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Zur Lehre Vissarions
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Die Gemeinschaft Vissarions - eine spirituell-ökologische Gemeinschaft in der Taiga

            Interview mit einem langjährigen Mitglied der Gemeinschaft       

Themen: Zur Person | Der Weg nach Sibirien | Erwartungen und Bedenken | Die Übersiedelung | Praktische Aspekte | Haus und Grundbesitz | Selbstversorgung | Integration in die Gemeinschaft | Das Klima | Energie | Strom | Wasser | Kommunikation | Kleine Widrigkeiten | Ärztliche Versorgung | Infrastruktur | Kulturelle Aktivitäten | Alltag | Empfehlungen für Interessenten | Männer und Frauen | Kulturelle Unterschiede | Die Regeln der Gemeinschaft | Struktur und Hierarchie | Die Einige Familie | Finanzielles | Bürokratie | Austausch und Vernetzung | Vorurteile | Vissarion | Die Lehre von Vissarion | "Ketzerisches" | Herausforderungen | Ausblick

       Interview mit Georg

Georg war einer der ersten Deutschen, die sich dauerhaft in der sibirischen Gemeinschaft angesiedelt haben. Seit 2002 lebt er zusammen mit seiner Frau Louisa im Dorf Guljáewka mit etwa 300 Einwohnern.
Anlässlich eines Besuchs in Deutschland haben wir die Gelegenheit genutzt und haben den "leibhaften Sibirer" nach seinen Erfahrungen befragt, die er in der Gemeinschaft gemacht hat.
Es ging uns dabei auch darum, einen möglichst realistischen - wenn auch subjektiven - Eindruck vom alltäglichen Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft zu gewinnen.

Blick über die Taiga und den Fluss Kasir oberhalb von Guljáewka
Blick über die Taiga und den Fluss Kasir oberhalb von Guljáewka im Frühling (Foto: Walerij Bekeshin, 1997)

       Zur Person

Wie war dein Lebensweg, bevor du nach Sibirien gegangen bist?
Ich habe in der Informatik-Branche gearbeitet, lange Jahre bei IBM. Später habe ich eine eigene Firma gegründet und habe den Rundfunk- und Fernsehanstalten in Deutschland geholfen, ihre Systeme von analog auf digital umzustellen. Spirituell habe ich mich bei der Transzendentalen Meditation engagiert, habe mich auch zum Meditationslehrer ausbilden lassen. Später war ich viel in Sannyasin-Kreisen unterwegs. Ich habe drei Kinder aus zwei Ehen.

Aus was für einem Elternhaus kommst du?
Christlich, evangelisch christlich, und ich war in christlichen Jugendorganisationen, CVJM, bin auch zur Kirche gegangen, also für mich war die Gottesfrage schon als Jugendlicher sehr aktuell. Dann habe ich das aber aus dem Auge verloren, weil ich von der Kirche sehr frustriert war und auch ausgetreten bin. Ich habe dann eben versucht, außerhalb von der Kirche geistige Inhalte zu finden. Aber Jesus und Christus waren für mich mein ganzes Leben lang interessant, und insbesondere die Bergpredigt hat mich fasziniert. Ich fand hier den ursprünglichen Inhalt, den Jesus auf die Welt bringen wollte. Er hat ja niemals von Papsttum und Kirchen etwas gesagt ...

Im Garten
Im Garten      (Foto: S.W.)

       Der Weg nach Sibirien

Wann und wie hast du erstmals von Vissarion und der sibirischen Gemeinschaft erfahren?
Im Jahr 2000 ist meine damalige Frau Dieter Schaarschmidt begegnet (er ist der Autor des Reiseberichts 1). Er hat erzählt, dass Vissarion nach Deutschland kommt, und ich hatte schon so eine Ahnung, dass ich ihm folgen würde.

Hattest du denn zu dem Zeitpunkt überhaupt schon viele Informationen?
Nein, überhaupt keine, ich hatte noch kein Bild von ihm gesehen, nichts gelesen, nichts, gar nichts.

Aber irgendetwas muss dich doch aufhorchen lassen haben . . . 
Ja, es war schon im Raum, dass man von ihm sagte, dass er Christus sei. Das hat mich angezogen. Das Thema hat mich ja schon mein ganzes Leben lang begleitet. Bereits in der Pubertät hatte ich mir vorgestellt, wie es wohl sein würde, wenn ich Christus persönlich im Fleisch treffen würde, und ich habe mir schon überlegt, woran ich ihn denn erkennen würde. Das war mir in dem Moment gar nicht mehr klar, aber später habe ich mich erinnert, dass ich als Jugendlicher solche Vorstellungen und Gedanken hatte, dass ich in diesem Leben Christus begegnen könnte.

Was hat dich an Vissarion und an der Gemeinschaft besonders angesprochen?
An Vissarion hat mich die Einfachheit angesprochen und dass er mit allem zufrieden war, was er bekam. Er hat meines Wissens nie irgendwelche Privilegien in Anspruch genommen. In Hamburg ist mir aufgefallen, dass er immer alles auf sich hat zukommen lassen und nie etwas gefordert hat. Wenn er eingeladen wird, geht er hin, aber er nimmt alles so, wie es ist, die Unterkunft, die man ihm anbietet, das Essen usw.

Gab es auch Punkte, die für dich nicht so leicht zu akzeptieren waren?
Nein. Also was mit Vissarion selbst zu tun hat, gab es nichts, wo ich gedacht habe: ach, das ist aber merkwürdig ...

Was hat dich bewogen, in die sibirische Gemeinschaft überzusiedeln?
Also, dass es nach Sibirien gehen würde, war für mich schnell klar. Ich habe mir gedacht: Wenn ich Christus folgen will und es keine Hinderungsgründe gibt, also keine praktischen - und die gab es damals nicht für mich, da war für mich eher die Frage: Warum nicht? Ich hatte damals im Prinzip in Deutschland keine Wurzeln mehr, meine Kinder waren erwachsen und haben an mich keine Erwartungen in irgendeiner Form gehabt. Da habe ich zu mir gesagt: Wenn du schon einen Lehrer hast, dann möchtest du möglichst nahe bei ihm sein, dann kriegst du die Sachen hautnah mit und nicht nur aus zweiter oder dritter Hand. Und auch die Möglichkeit, ihn zu sehen und ihm persönliche Fragen stellen zu können ... es war eigentlich keine Frage, dass es für mich wichtig ist, nahe bei ihm zu sein.

Ist dir dieser Entschluss leicht gefallen?
Ich habe nicht so viel überlegt. Es hat mich einfach sehr stark gezogen.

Haus mit Garten und Gewächshaus
Haus mit Garten und Gewächshaus

       Erwartungen und Bedenken

Was konntest du dir nicht vorstellen, bevor du dort warst?
Das weiß ich nicht mehr. Ich war einfach sehr offen.

Was hast du an Erwartungen nach Sibirien mitgebracht?
Ich habe erwartet, dass ich da eine Gruppe von Menschen vorfinde, die alle das gleiche Ziel verfolgen, aber unterschwellig habe ich wohl gedacht, dass die ihr Ziel so verfolgen, wie ich es mir vorstelle. (Lacht herzhaft!) Und ich musste da feststellen, dass es so viele verschiedene Wege gibt, wobei alle das Verständnis haben, dass sie Vissarions Wort folgen, was mich dann sehr überrascht hat - und an dem Punkt musste ich auch umdenken. Ich habe dann aber schnell festgestellt - auch durch verschiedene Äußerungen, die Vissarion gemacht hat - dass das, um es mal locker zu sagen, Teil des Spiels ist. Ich meine, dass er mal gesagt hat, dass er das so initiiert hat, dass Leute mit sehr unterschiedlichen Charakteren zusammenkommen, um sich maximal zu reiben. Das war mir sofort einleuchtend, und das kann ich auch heute noch so akzeptieren.

Du hattest also gehofft, dort möglichst viele gleichgesinnte Mitstreiter zu finden?!
Ja, und die habe ich im Prinzip auch gefunden, bloß die Wege sind so unterschiedlich und die Meinungen, was Vissarion nun meint, oder was er denkt oder was er will. Und das ist auch heute noch so.

Hattest du nie irgendwelche Bedenken?
Nein, Bedenken hatte ich keine.

In der Berichterstattung über die Gemeinschaft wird praktisch immer von einer "Sekte" gesprochen. Wolltest du denn in einer Sekte leben?
Wie die Umwelt das bezeichnet, ist mir inzwischen egal. Alle Bewegungen außerhalb des "Mainstream" - wie auch unsere - werden wohl als eine Bedrohung für das bestehende System empfunden. Und die Angst besteht ja auch zu Recht. Es geht der sorglosen Gemütlichkeit an den Kragen! Da darf man sich aber nicht irritieren lassen. Da muss man eben Flagge zeigen!

Sommerküche
Sommerküche

       Die Übersiedelung

Wie oft und wie lange hast du die Gemeinschaft besucht, bevor du beschlossen hast, ganz dort zu leben?
Den Entschluss, dort zu leben, hatte ich sofort gefasst, als ich Vissarion zum ersten Mal im Oktober 2000 begegnet bin. Ich hatte auch gleich ein persönliches Gespräch mit ihm, wo ich praktische Aspekte eines Umzugs nach Sibirien angesprochen habe. Ich war dann im Sommer 2001 für drei Wochen und auch 2002 nochmals für fünf Wochen in Sibirien. Danach haben wir uns für ein Haus entschieden, in das wir im Dezember 2002 eingezogen sind.

Welche persönlichen Ziele hast du mit deiner Übersiedlung in die Gemeinschaft verbunden?
Es war damals schon im Gespräch, dass in Sibirien die Wiege für die neue Menschheit sein würde und dass es darum gehe, sozusagen die materiellen Grundlagen zu schaffen für eine neue Welt, so dass unsere Kinder einen Platz haben, wo sie leben können, wo sie arbeiten können. Und meine Frau hatte diesen Punkt eigentlich noch mehr im Auge als ich. Die Idee, dort ganz konkret eine Werkstatt aufzubauen, kam von ihr.
Aus dem Gespräch mit Vissarion ging auch hervor, dass man es auf einem Gebiet zur Meisterschaft bringen solle. Dann hat es sich so ergeben, dass ich in unserer Umgebung eine Weberin kannte, die Lehrerin an einer Waldorfschule war, und die habe ich gefragt, ob ich bei ihr eine Ausbildung machen kann, und bei ihr habe ich mit zwei anderen Frauen einen Webkurs gemacht. Louisa fand das auch gut und schaute sich gleich um, wo sie Webstühle bekommen konnte. Und dadurch ist unsere Weberei entstanden. Es ist für mich auch heute noch das wichtigste Ziel, dass die Leute, die jetzt in Sibirien sind, praktisch die materiellen Grundlagen schaffen für eine neue Welt, die auf Handwerk basiert. Werkstätten aufzubauen, finde ich immer noch ein wichtiges Anliegen, und ich wundere mich, wie wenige Leute das dort machen. Es ist für mich fast unbegreiflich.

War ein Teil der Motivation auch, in deiner persönlichen Entwicklung weiterzukommen?
Ja, schon. Ich hatte auch das Gefühl, wie gesagt durch die räumliche Nähe, dass man im Energiefeld des Lehrers ist und auch im Energiefeld von Leuten, die das gleiche Ziel verfolgen, die einen auch immer wieder in die Richtung mitreißen. Dass man einfach ständig von diesem Gedankengut umgeben ist: Wir wollen hier die Grundlage schaffen für eine neue Menschheit.

Welche Eindrücke hast du dann tatsächlich vorgefunden?
Für mich war überraschend, als ich nach Sibirien kam, die Vielfältigkeit der Leute und die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Und auch, dass von Ökologie nach westlichem Verständnissehr wenig zu spüren war.

Was ist dir diesbezüglich besonders aufgefallen?
Hauptsächlich die Baumaterialien. Das Dach von fast jedem Haus war mit asbesthaltigem Material bedeckt, die nennen das "Schiefer", aber bei uns sagt man dazu "Eternit-Platten". Also gewellte Eternit-Platten waren die Standard-Hausbedeckung über Jahrzehnte. Dann das Abdichten mit Glaswolle und Steinwolle, was ja hauptsächlich für die Atemwege nicht gesund ist. Auch den Umgang mit Gülle fand ich problematisch.
Nachtrag November 2016:
Die Eternit-Dächer gibt es kaum noch. Baumärkte schießen seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden. Dort gibt es (fast) alles, was man in Deutschland auch kaufen kann. Der neuste Trend: Dächer und Wände mit gewellten Metallplatten zukleistern. Auch nicht besonders ökologisch!

Wie hast du die ersten Monate dort erlebt?
Wir kamen ja im Dezember an, das Haus war zwar für uns vorbereitet, aber wir hatten ja nichts im Kühlschrank, hätte ich jetzt beinahe gesagt, oder im Keller. Wir waren also auf Hilfe angewiesen, und die Leute im Dorf haben uns geholfen, die haben uns über den Winter gebracht. Wir sind dann zum Bürgermeister gegangen und haben uns mit ihm beraten, und er hat uns empfohlen, verschiedene Sachen zu kaufen, also Getreide, Reis, Buchweizen, und wir haben auch irgendwo Möhren gekauft. Brot usw. konnte man ja im Laden kaufen, aber was man so selbst anbaut, Kohl usw. das haben wir z.T. gekauft, z.T. wurde es uns geschenkt. Wir hatten einen guten Kontakt zum damaligen Bürgermeister, und wenn wir ein Problem hatten, sind wir zu ihm gegangen und so haben wir jedes Problem gelöst. Wir hatten niemals den Eindruck, dass wir ein Problem nicht lösen könnten. Wir mussten nur zum Bürgermeister gehen und wussten, uns wird geholfen - irgendwie.

Terrasse
Terrasse

Und da kam auch nie so ein Gefühl auf, von wegen: oh je, was sind wir lästig?
Nein, überhaupt nicht. Weil jeder, der da neu kommt, der wird eigentlich als Verstärkung betrachtet. Die Leute sind froh, wenn Leute kommen. Und da wir ja praktisch eine Werkstatt mitgebracht hatten, waren wir auch nicht in der Position, dass wir als dumme Deutsche oder Bittsteller dastanden, sondern wir waren schon jemand, von denen man dachte, die werden am Aufbau des Dorfes mitarbeiten.

Wieso hat es euch gerade nach Guljáewka verschlagen? Habt ihr euch auch in den anderen Dörfern der Gemeinschaft umgesehen?
Wir sind in Guljáewka gelandet, weil unser Lehrer damals die Deutschen gerne in der sogenannten Zone haben wollte, um ihnen bessere Unterstützung zukommen zu lassen. Als uns ein erschwingliches Häuschen in Guljáewka angeboten wurde, haben wir das dann genommen. Wir haben uns auch Häuser in Shárowsk angesehen, aber entweder war es zu teuer oder es passte irgendwas nicht.

Wie viele Mitglieder der Gemeinschaft kennt ihr denn?
Hauptsächlich die aus unserem Dorf - ungefähr 60 Erwachsene und 30 Kinder. Dann die wenigen Deutschen in Petropáwlowka und Shárowsk. Und natürlich noch einige andere Freunde aus anderen Dörfern, die wir zum Beispiel über Kontakte in unserer Werkstatt kennen.
Nachtrag November 2016:
Inzwischen etwa 100 Erwachsene und 40 Kinder

       Praktische Aspekte

Hast du vorher versucht, dir Russisch-Kenntnisse anzueignen?
Ein wenig - zu wenig. Ich habe einen Volkshochschulkurs begonnen. Aber mangels Nachfrage wurde der nicht weitergeführt.

Wie wichtig ist es, dass man die Sprache beherrscht?
Sehr wichtig! Es wird ausschließlich Russisch gesprochen. Und wenn man an den Versammlungen nicht konstruktiv teilnehmen kann, versäumt man das Wesentliche.

Gartenidylle
Gartenidylle

       Haus und Grundbesitz

Habt ihr euer Haus gekauft? Können "Ausländer" in Russland Grund und Boden erwerben?
Ja, wir haben es gekauft. Die Gesetze und Verordnungen ändern sich allerdings ständig. Aber ich denke, es wird eher einfacher für Deutsche und andere Ausländer.

Was kostet denn dort ein Haus?
Für ein einigermaßen anständiges Haus muss man mit 10 bis 15.000 Euro rechnen. Die Preise sind in den letzten Jahren drastisch gestiegen!
Nachtrag November 2016:
Es wird heutzutage anspruchsvoller gebaut. Heute muss man eher mit  30 - 40.000 Euro kalkulieren.

Ist da das Grundstück schon mit drin?
Ja, das ist mit drin. Die Grundstücke sind in aller Regel so groß, dass Selbstversorgung aus dem Garten möglich ist, also meistens 2.000 qm oder mehr.
Nachtrag November 2016:
Grundstücke werden heutzutage extra gehandelt. Zur Zeit mit ca. 500 Euro pro Ar (10 x 10 Meter)

Ist es schwierig, ein Haus zu finden? Wie angespannt ist der Immobilienmarkt?
Es ist nicht so, dass man einfach kommt und ein Haus kaufen kann.  Und die Preise dürfen nicht beliebig hoch sein. In den vier Hauptdörfern (Petropáwlowka, Tscheremschánka, Guljáewka und Shárowsk) ist es schon ziemlich eng. Aber sonst gibt es meines Wissens noch viel freies Land.

Warum wollen denn die meisten in den vier Hauptdörfern wohnen?
Da ist man einfach näher am Geschehen. Tjuchtjáta zählt im übrigen auch zum engeren Kreis, weil dort die Gemeinschaft sehr aktiv ist.

Wie groß war denn das Haus, in das ihr zuerst eingezogen seid?
Das Haus war mit 4 x 6 Metern beheizbarer Fläche sehr klein. Es war eine Wremjanka - also eine Art bessere Bauhütte. Die Russen planen solche "Zeithäuser" allerdings für einen längeren Zeitraum - für mindestens 2 Jahre. Das war unser Lebensraum, der alles beinhaltete: Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer ...

Bei der Aufzählung habe ich jetzt nur noch Toilette und Badezimmer vermisst.
Das Waschhaus (russisch: Banja) ist immer separat - wegen der Feuchtigkeit. Nicht alle Häuser haben eine Banja. Dann lädt der Besitzer seine Nachbarn ein. Das ist normal. Die Gäste bringen dann Brennholz und vielleicht auch Wasser mit. Samstag ist immer Banja-Tag, ansonsten nach Bedarf. Dazu heizt man den Ofen an, der auch das Waschwasser in einem Kessel erhitzt. Im Winter dauert es mindestens 2 Stunden, bis Raum und Wasser heiß sind. Dann mischt man das heiße mit kaltem Wasser in einem Kübel und schüttet sich das Wasser über den Kopf. Ganz einfach!

Gibt es auch Haushalte mit Waschmaschine und Geschirrspüler?
Waschmaschinen definitiv ja! Geschirrspüler habe ich noch nicht gesehen. Wir selbst haben keine Waschmaschine, haben aber aus Deutschland einen guten alten Waschkessel mitgebracht. Manchmal hätte Louisa auch gern eine Waschmaschine, aber nicht wirklich; das kommt uns nicht mehr zeitgemäß vor.

Kann so ein enges Zusammenwohnen, wo es wenig Ausweichmöglichkeiten gibt, nicht auch belastend sein?
Wir haben auch gedacht, das muss irgendwann Probleme geben auf so engem Raum. Manchmal knirscht es ein wenig, aber als belastend haben wir es noch nicht empfunden. Man hat ja Auslauf - Garten, Fluss, Wald, ... und auch die Freunde, an die man sich wenden kann. Das ist nicht so wie in Deutschland, wo man erstmal irgendwohin fahren muss, um zu sich zu kommen oder Freunde zu treffen.

Haus in der Taiga
Haus in der Taiga      (Foto: Simkin)

       Selbstversorgung

Die Gemeinschaft ist ja auf Selbstversorgung aus dem Garten angelegt. Hattest du dich zuvor schon mit Gartenbau beschäftigt?
Mein Großvater war Bauer, mein Vater war Gärtnermeister, der auch Ackerbau betrieben hat. Da habe ich zwangsläufig was mitbekommen. Aber intensive Kenntnisse habe ich mir leider nicht angeeignet. Da hätte ich lieber in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten sollen.

Hattet ihr zu Anfang Hilfe, was den Garten angeht?
Für den Garten ist Louisa verantwortlich. Ich mache die schwereren Arbeiten, soweit es mir noch möglich ist. Ja, sie hat anfangs Hilfe bekommen. Jetzt hat sie alles im Griff.

Haben eure ersten Ernten schon ausgereicht, um über den Winter zu kommen?
Wir sind ja mitten im Winter gekommen. Also haben wir erst im Frühjahr angefangen, selbst anzubauen. Bis dahin haben wir Getreide und auch Gemüse gekauft. Wir haben aber auch viel Kartoffeln und Gemüse von den Guljáewkanern geschenkt bekommen.

Reicht die doch relativ kurze Vegetationsperiode im Sommer, um ausreichend Nahrungsmittel für das ganze Jahr anzubauen?
Die Sommer sind zwar kurz, aber dafür sehr warm. Da sprießt alles sehr schnell. Das reicht aus, um weitgehend alles anzubauen, was auch in Mitteleuropa angebaut wird.

Habt ihr auch Gewächshäuser?
Die meisten haben Gewächshäuser - für Tomaten, Gurken, Paprika, Auberginen und so weiter. Früher nur mit Plastikfolie, heutzutage dank der neuen Baumärkte auch oft mit doppelschichtigen halbdurchsichtigen Kunststoffplatten.

Wie wird das Gemüse für den Winter gelagert?
Hier hat man in der Regel einen Außenkeller für Kartoffeln, Rüben aller Art, Kohl und Eingemachtes. Der Keller muss mindestens 2 Meter in den Erdboden ragen, damit die Erdwärme die Temperatur im Keller auch bei starkem Frost über Null hält. Außerdem hat man noch einen Unterbodenkeller im Haus, in dem u.a. die Kartoffeln zur Aussaat im Frühjahr vorkeimen, weil es da wärmer ist als im Außenkeller.

Welche Nahrungsmittel kauft ihr zu?
Hauptsächlich Öle und Fette, Käse wer mag, und Brot, wer es nicht selber bäckt. Auch Obst und Säfte, wenn es einen gelüstet. Neuerdings produzieren wir aber selbst Öl - mit einer Ölpresse, die wir kürzlich aus Deutschland mitgebracht haben.

Kohlpflanzen im Garten
Kohlpflanzen im Garten

       Integration in die Gemeinschaft

Was habt ihr unternommen, um Anschluss an die Gemeinschaft zu finden?
Das ist im Prinzip völlig problemlos, weil die Leute im Grunde genommen froh sind, wenn neue Leute kommen und sehr offen sind. Du bist eigentlich sofort drin, kann man sagen. Das ist überhaupt kein Problem, die Leute holen dich rein. Du wirst da nicht als Fremder betrachtet.

Ihr wurdet also z.B. von den anderen eingeladen usw.?
Die privaten Verhältnisse sind dort nicht so intensiv. Das Zusammenleben spielt sich mehr in den Versammlungen ab. Privat treffen sich die Leute nicht so oft, weil alle immer sehr viel zu tun haben, die meisten haben Kinder, und die Abende sind weniger für Geselligkeit oder nur mal, wenn einer z.B. Geburtstag hat. Aber normalerweise sind die Familien abends für sich zuhause.

Wie habt ihr euch in die Gemeinschaft eingebracht?
Ich hatte z.B. auf dem Mittelaltermarkt in Goslar so schöne Volkstänze gesehen und habe dann von den Leuten die Musik, Noten und Tanz-Anleitungen gekauft und mitgebracht, und damit habe ich dann in unserem Dorf das Volkstanzen initiiert. Ich habe zum Glück jemanden gefunden, der ein Faible dafür hatte und auch ein guter Tänzer ist. Und weil ich damals noch sehr große Schwierigkeiten mit der russischen Sprache hatte, habe ich ihm dann privat die Tänze erklärt, also sozusagen das Buch übersetzt, und er hat sie dann mit den Leuten eingeübt.
Und auch den Kirchenchor habe ich mit initiiert. Also ich habe den zu Anfang geleitet, zusammen mit jemandem, der Gitarre spielen konnte, und damit bin ich natürlich mit den Leuten in Kontakt gekommen. Und das hat im Laufe der Jahre auch zu wirklichen Veränderungen in unserem Dorfleben geführt.
Am Anfang war z.B. die sonntägliche Liturgie, die ja hauptsächlich aus Singen besteht, eine ziemlich maue Veranstaltung, zu der vielleicht 5-15 Leute erschienen. Viele, die gut singen konnten, gingen auch gar nicht in die Liturgie, weil sie das nicht so attraktiv fanden. Seit etwa 2004 aber hat sich der Chor soweit entwickelt, dass er jetzt die tragende Kraft ist, wir haben die Liturgie auch in ein größeres Gebäude verlegt, und jetzt kommen so ca. 80  Leute; und da ist jetzt richtig Power drin. Und daran war ich nicht ganz unbeteiligt.

Erfährst du auch Anerkennung dafür?
Ja, auf jeden Fall. Also im Chor sind wir nur drei Männer, zwei Tenöre und ich als Bass, und wenn ich nicht da bin, dann fehlt schon was. Und beim Volkstanz freut man sich auch, wenn ich komme. Das ist auch der Ort, wo ich richtig aus mir herauskomme und wo wir eigentlich den ganzen Abend nur lachen, sowohl im Chor als auch beim Tanzen, und das ist so ein richtiges Kontrastprogramm zu den z.T. sehr langatmigen Versammlungen. Wir fühlen uns alle auch vom Herzen so verbunden, wir lieben uns alle einfach. Wir brauchen uns auch nicht viel zu erzählen. Wir treffen uns gerne, wir tanzen zusammen, wir singen zusammen - und das verbindet.
Nachtrag November 2016:
Inzwischen sind 7 Männer im Chor. Und der Chor wird von einem deutschen Profi-Chorleiter geführt.

Hast du das Gefühl, dass du oder ihr die Gemeinschaft bereichern könnt?
Wohl keiner ist zufällig hier. Es gibt bestimmt jemanden, der es schwer mit dir hat. Und für den bist du dann wichtig. (Schmunzelt.)

Dorfidylle mit Pferden
Dorfidylle mit Pferden

       Das Klima

Ist das Klima eine Herausforderung?
Ja, das kann man schon sagen, aber insgesamt ist es nicht so schlimm, wie viele denken. Wir sind halt diese Extreme nicht so gewöhnt, im Sommer ziemlich heiß, im Winter ziemlich kalt. Hier in Deutschland ist das ja mehr so ein Mischmasch, jedenfalls sind die Extreme nicht so groß, auch nicht die Extreme von einem Tag auf den anderen oder von Tag und Nacht. Das ist in dem Kontinentalklima von Sibirien eben anders, es kann von Tag zu Nacht sehr hohe Temperaturunterschiede geben und auch von Sommer zu Winter. Die trockene Luft, die dort ist, mildert natürlich sowohl die Hitze als auch die Kälte.
In der Kernzeit des Winters, also Januar und Februar, da friert einem dann schon oft die Nase zu, wenn man rausgeht. Im Winter ist draußen meist Bautätigkeit. Im Sommer werden die Fundamente gelegt und es muss viel im Garten gemacht werden, darum nützt man den Winter, um Häuser zu bauen. Und wer damit beschäftigt ist, der ist natürlich der Witterung ausgesetzt. Aber das sind zumeist junge kräftige Kerle, ich habe noch nie im Winter so richtig gearbeitet, in dem Sinne.

Aber um aufs Klo zu gehen, muss man schon mal raus in die Kälte?!
Ja, aber das ist nicht so schlimm. So ein Klogang von sagen wir maximal fünf Minuten ist gut zu überstehen, dafür bringt man genug Wärme mit, das Frieren beginnt erst nach ungefähr fünf Minuten. Und im Winter ist es so, dass die meisten Leute ein Stubenklo haben, wo man drauf sitzen kann und mit Deckel drauf, das dann morgens geleert wird.

Wird euch der Winter auch manchmal lang?
Ja, ja schon. Irgendwann sagen wir schon, jetzt wäre es schön, wenn es mal wieder richtig warm wäre. Objektiv gesehen ist der Winter schon lang, man kann sagen, zwei Monate länger als in Deutschland. Und zwei Monate sind schon eine ganz schön lange Zeit. Seltsamerweise hat es uns zu Anfang weniger ausgemacht. Früher war so viel anderes und alles war so neu, da ist uns das nicht so aufgefallen.

Ist denn der Klimawandel in Sibirien schon spürbar?
Die Einheimischen meinen, dass es ständig wärmer wird.

Auf der Veranda
Auf der Veranda

       Energie

Wie viel Holz verbraucht ihr so?
Wir verheizen ungefähr 10 bis 15 Kubikmeter pro Jahr.

In den Häusern ist es im Winter wahrscheinlich überhitzt!?
Bei Russen ja, bei Deutschen nicht. (Lacht.) Die Russen haben ein höheres Wärmebedürfnis als wir. Wenn die Russen zu uns kommen, dann sagen die immer, hier wohnen Deutsche, weil es da für die kalt ist. Also was für uns eine warme Temperatur ist, ich sage mal so 18-20 Grad, das ist für die Russen kalt. Der Körper gewöhnt sich auch an die Kälte und 18 Grad sind dann schon warm.
Wir heizen ja mit Holz, und wir machen morgens den Ofen einmal knallheiß und lassen ihn dann ausbrennen und heizen abends nochmals ein. Man sagt, dass die Temperatur nachts nicht unter 12 Grad absinken soll. Und das ist bei uns auch der Fall und dann kann man morgens ohne groß zu frieren den Ofen wieder anheizen, und so kommt man dann immer gut über die Runden. Es gibt da verschiedene Techniken, die Russen schieben oft den ganzen Tag nach.

Wie kommt man an das Holz, und gibt es auf absehbare Zeit genug davon?
Der Wald ist größtenteils in Staatsbesitz. Man kann aber auch Wald privat kaufen oder pachten. Es gäbe in den Wäldern natürlich ausreichend Holz, wenn es ausschließlich der näheren Umgebung zugute käme. Aber die Wälder um unsere Dörfer herum werden von Holzhändlern ziemlich rigoros geplündert. Sie erwerben Einschlag-Konzessionen vom Staat, und täglich fahren 10-15 Lastwagen schwer beladen mit Baumstämmen durch unser Dorf. Und das qualitativ beste Holz geht nach China.
Für die Haushalte des Dorfes gibt es ein Kontingent pro Jahr, das vom staatlichen Förster ausgewählt und markiert wird und das man preiswert erwerben kann. Das Fällen und den Transport organisieren wir im Dorf selbst - entweder mit Lastwagen oder mit Pferden.

Wird auch mit anderen Materialien geheizt?
Manchmal wird auch mit Kohle geheizt, aber das ist eher bei großen Gebäuden der Fall, wie der Schule in Tscheremschánka, da scheint das günstiger zu sein. Es gibt auch von alters her zentralheizungsartige Systeme in einem bestimmten Typ von Häusern, die früher mal für Kolchosbauern errichtet wurden.

Morgenstimmung
Morgenstimmung

       Strom

Wie sieht es mit der Stromversorgung aus?
In den meisten Dörfern gibt es Strom - außer in Shárowsk und der "Sonnenstadt". Aber das Netz ist zunehmend überlastet, die Masten brüchig, so dass es des öfteren zu Stromausfällen kommt. Es kommt auch öfter zu starken Schwankungen bei der Stromspannung, und manchmal werden dadurch empfindliche Geräte beschädigt. Man kann dafür jedoch einen Spannungsstabilisator anschaffen, der hält die Spannung dann ziemlich konstant.
Wir bereiten uns aber darauf vor, notfalls auch ohne Strom auszukommen. Das würde auch gehen. Ich habe für unser Haus eine kleine Solaranlage installiert, damit wir im Notfall in den langen Winternächten wenigstens mit Licht versorgt sind - auch um in der Werkstatt arbeiten zu können.

       Wasser

Wie ist das denn mit dem Wasser? Wo bekommt ihr das her?
Vor unserer Haustüre gibt es eine Handpumpe, die natürlich auch im Winter funktioniert. Der Grundwasserspiegel liegt ja weit unter der Frostgrenze, und nach dem Pumpen sinkt das Wasser in der Pumpe wieder auf Grundwasserpegel ab, so dass das Wasser in der Pumpe nicht gefriert. Trinkwasser holen wir sogar lieber aus dem Fluss. Der ist noch sauberer als das Grundwasser. In manchen Dörfern gibt es auch öffentliche Brunnen, wo man sich mit Seilwinde und Eimer Wasser holen kann.

Gibt es auch Häuser mit fließendem Wasser?
In unseren Dörfern nicht, soviel ich weiß. Es gibt aber einige wenige Häuser, die hochgelegene Wassertanks haben und dann durch das Gefälle quasi fließendes Wasser haben. Das Wasser wird mit einer Elektropumpe hoch gepumpt.
Nachtrag November 2016:
Heutzutage gibt es schon viele Häuser mit fließend Wasser - über eine Pumpe mit Druckregulierung. Auch Durchlauferhitzer sind keine Seltenheit mehr

       Kommunikation

Welche Kommunikationsmöglichkeiten stehen euch dort zur Verfügung? Habt ihr Telefon oder Zugang zum Internet?
In unserem Dorf gibt es kein Festnetz, wie in den meisten anderen Dörfern auch nicht. Seit etwa 2008 (?) gibt es aber ein Mobilfunknetz, was das Leben völlig verändert hat. Speziell für uns Deutsche ist das sehr erleichternd, weil wir früher die 5 km zur nächsten Poststelle gehen mussten, wo es nur eine Telefonleitung für eine Bevölkerung von einigen hundert Leuten gab. Man musste das Gespräch anmelden - ca. 20 Min. warten - dann womöglich kein Anschluss, Teilnehmer nicht zuhause oder besetzt - am nächsten Tag die gleiche Zeremonie nochmal ... und das alles in einem großen Raum, so dass alle zuhören konnten. Jetzt schreibt man mal kurz 'ne SMS, und von Deutschland aus kann man uns billig erreichen, für etwa 5 Cent pro Minute.
Internet geht ebenfalls über Modem, ist aber entsprechend langsam.

Haus mit Satellitenschüssel
Haus mit Satellitenschüssel

Wenn du E-Mail sagst, hast du ja anscheinend auch einen Computer. Wie verbreitet sind denn Computer in der Taiga schon?
Nur die Freaks haben Computer. Bei uns im Dorf gibt es etwa 6, vielleicht 8 Computer.
Nachtrag November 2016:
Da hat sich gewaltig etwas verändert! Ich schätze, in mindestens der Hälfte der Haushalte steht ein Computer mit Internetanschluss. Der neuste Trend: Man trifft sich auf Facebook. Auch der Lehrer hat eine eigene Homepage, auf der Er das Letzte Testament fortschreibt; und Er ist auch in Facebook vertreten.

Wie steht es mit dem Fernsehempfang? Wie viele Stationen könnt ihr empfangen?
Mit herkömmlicher Antenne kriegt man nur ein Programm. Ansonsten muss man sich 'ne Schüssel leisten. Wir selbst haben keinen Fernseher.

Ich habe gehört, dass innerhalb der Gemeinschaft eine Zeitung herausgegeben wird und dass es sogar eine eigene Zeitung für Frauen gibt.
Ja, die "Schule des Lebens" veröffentlicht (leider nur auf Russisch!) sowohl die neuesten Texte von Vadim, sobald sie redigiert sind, als auch andere global interessierende Themen der Gemeinschaft, u.a. auch viele Interviews. Es gab mal 2009 eine Serie von Interviews mit in der Gemeinschaft lebenden Ausländern. Da waren dann die Deutschen natürlich auch dabei.

Hausfront
Hausfront

       Kleine Widrigkeiten

Wie übel ist es mit der gelegentlich beschriebenen Insektenplage?
Anfangs ist es im Juni/Juli nervig. Wenn man aber länger hier ist, beruhigt sich das meistens. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht lieben die kleinen Viecher die Abwechslung des mitteleuropäischen Blutes.

Auf Bildern sieht man aber schon öfter Leute mit einem Moskitonetz über dem Kopf, und es soll nach den Moskitos auch ganz fiese Bremsen geben und noch anderes Getier.
Es gibt die üblichen Stechmücken, die Bremsen, und dann diese kleinen Viecher, die sich in die Haut einfressen. So ein Netz wird hauptsächlich benötigt, wenn man tief in die sumpfige Taiga zum Beerensammeln geht.

In einem Bericht von ABC News hieß es, dass ein Großteil der Bewohner mit Borreliose infiziert sein soll.
Papperlapapp!

       Ärztliche Versorgung

Wie steht es um die ärztliche Versorgung in der Gemeinschaft?
In Petropáwlowka, Tscheremschánka und Guljáewka gibt es Zahnärzte mit Geräten auf dem neuesten technischen Niveau. Zahnersatz ist kein Problem - mit allen Materialien, die es auch in Europa gibt.
Wir haben praktische Ärzte aller Couleur in unseren Reihen - auch vom Staat legalisierte. Schulmediziner, Heilpraktiker, Kräuterkundige, Physiotherapeuten, Seher, … alles da!
Und wenn einer ins Krankenhaus möchte oder muss - das nächste ist in Kurágino, etwa 2 Autostunden entfernt.
Wenn man den Pass für Ausländer hat (Aussicht auf Staatsbürgerschaft), bekommt man auch so eine Art Krankenversicherungsschein, womit die Grundversorgung gewährleistet ist.

       Infrastruktur

Gibt es einen öffentlichen Nahverkehr?
Zwischen der Kreisstadt Kurágino und unseren Dörfern verkehren zur Zeit täglich 4 Busse in beide Richtungen; zwei davon von und nach Guljáewka, zwei nur von und bis Tscheremschánka. Kurágino wiederum ist ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Es liegt an der Strecke Krasnojársk-Abakán, die durch das Sajan-Gebirge führt. Sehr malerisch!
Es gibt neuerdings auch Nachtbusse von Kurágino direkt nach Krasnojársk zum Flughafen, so dass man abends in den Bus einsteigt, morgens in den Flieger. Und via Moskau oder St. Petersburg ist man am nächsten Mittag oder Nachmittag schon in Deutschland.
Nachtrag November 2016:
Inzwischen 5 Busse täglich zwischen Guljaewka und Kuragino, und weitere 2 Busse von Tscheremschanka.
Nach Krasnojarsk fährt man nur noch sehr selten, da ab Abakan seit etwa 2010 ebenfalls Flüge günstig angeboten werden, und zwar von den Fluggesellschaften Aeroflot und S7.  Ankunft und Abflug in Abakan jeweils morgens.

Wie mühsam ist die Beschaffung von Dingen, die über den alltäglichen Bedarf hinausgehen?
In Abakan (etwa 3 Autostunden entfernt) bekommt man das meiste, in Krasnojársk (7 Autostunden oder 10 Stunden mit Zug oder Bus entfernt) fast alles, in Moskau wirklich alles, was man in Europa kaufen kann. Baumärkte z.B. schießen aus dem Boden wie Pilze. Kaum ein Unterschied zu Europa. In Kurágino allerdings noch sehr eingeschränkt.

Im Glockenturm
Im Glockenturm

       Kulturelle Aktivitäten

Was läuft bei euch so im Winter?
Also, was mehr stattfindet im Winter sind Feierlichkeiten und Feste, besonders um die Weihnachtszeit herum. Dann kommt mal jemand aus einem anderen Dorf und gibt ein Konzert, es gibt ja viele Künstler aus allen Richtungen. Oder es kommt eine Tanzgruppe aus einem anderen Dorf. In Tscheremschánka ist ja ein recht großer Saal, und da finden oft relativ anspruchsvolle Veranstaltungen statt.

Und das vermag euch dann aus Guljáewka bis nach Tscheremschánka zu locken!?
Ja, also zumindest diejenigen, die daran interessiert sind. Irgendjemand hat dann ein Auto, und der karrt uns dann da hin. Also kürzlich war da z.B. eine Frau aus Tscheremschánka, die hat so ein besonderes Faible für deutsche Komponisten, und die hat über zwei Stunden Mozart, Beethoven und Bach präsentiert, das war also jetzt nicht ein Konzert, sondern z.T. mit Filmausschnitten z.B. aus Leipzig, wo mal ein Bachfestival war, wo die Leute mitgesungen haben. Und ein Spielfilm über das Leben von Beethoven mit der Ode an die Freude. Natürlich auch mit Musikbeispielen. Und sie hat auch viel erzählt. Also, das war ein richtig anspruchsvoller künstlerischer Abend. Aber wir haben auch viele Leute, die so richtig gut singen können, Opern z.B. oder so bardenmäßig. Das kulturelle Leben ist im Winter schon angeregter.

D.h. im Sommer geht es hauptsächlich um den Garten etc. Aber da findet doch auch das große Sommerfest statt am 18. August.
Ja, um den 18. August herum fällt eine große Schar von Gästen in unser heimeliges Ländchen ein. Da ist mal richtig was los, viele Konzerte aller Art, Tanzen sowieso, Ausstellungen der Handwerker - und wie immer die Ansprache Vissarions am Abend. Da kommen auch viele Neugierige, die eigentlich mit Vissarion nichts am Hut haben. Auch Politiker des Kreises und des Bezirks Krasnojársk. Besonders die Kulturdezernenten der Regierung haben ein sehr wohlwollendes Auge auf unsere Gemeinschaft. Man sagt, das sei die zweite kulturelle Revolution in Sibirien nach den Dekabristen (Die Dekabristen - deutsch Dezembristen - waren adlige Revolutionäre, die im Dezember 1825 den Eid auf den Zaren Nikolaus I. verweigerten. Sie wurden schließlich nach Sibirien verbannt und haben maßgeblich die agrare und kulturelle Landschaft Sibiriens gestaltet.)
Nachtrag November 2016:
Das Fest am 18. August ist ruhiger geworden, weniger Rummel, weniger Besuche von außerhalb - eben besinnlicher.

Die Sängerin Swetlana Wladimirskaja
Die Sängerin Swetlana Wladimirskaja

       Alltag

Wie sieht ein durchschnittlicher Tagesablauf bei dir bzw. bei euch aus?
Der Tag beginnt morgens mit einer Arbeitsbesprechung.
An den gemeinschaftlichen Arbeiten nehme ich als Rentner nur teil, soweit es meine Kräfte erlauben. Ich betrachte es als meine vorwiegende Aufgabe, unsere Werkstatt in Gang zu halten, Louisa dabei zur Seite zu stehen und die Räume und alles drum herum so in Ordnung zu halten, dass der Zustand immer mehr verbessert wird und dass er langfristig stabil ist. Und dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen.
Abends sind dann oft wieder Versammlungen - oder Chor oder Tanzen. Ein- bis zweimal die Woche sind Wirtschaftsversammlungen, auch Männerversammlungen. Die Männerversammlung ist eigentlich die, wo am meisten an praktischen Dingen entschieden wird, wo auch über die gemeinschaftliche Arbeit entschieden wird.
Nachtrag November 2016:
In den letzten Jahren habe ich für die Gemeinschaft vorwiegend Holzarbeiten gemacht - Regale, Altäre ..
Und ich war der Ölpresser des Dorfes. Leider ist die Ölpresse mit seinem Eigentümer in die Sonnenstadt abgewandert..

Heißt das, wenn du voll arbeitsfähig wärest, würdest du für gewisse gemeinschaftliche Arbeiten eingeteilt werden?
Ja. Das wird in jedem Dorf individuell vereinbart. Es wird ein Richtwert festgelegt, wie viele Stunden in der Woche oder so. Wenn man als Meister in der eigenen Werkstatt arbeitet, ist das wieder etwas anderes. Aber wenn man jemand ist, der keine Verantwortung hat für irgendetwas, dann steht man in der Regel 4-8 Stunden pro Tag für eine gemeinschaftliche Arbeit zur Verfügung, das kommt darauf an und wird auch individuell gehandhabt.
Auch Frauen, die einen Haushalt zu versorgen haben, also Mann und Kinder, die brauchen im Prinzip auch nicht für die Gemeinschaft zu arbeiten oder nur, soweit es zumutbar ist. Wenn sie alleinstehend sind, dann ist empfohlen, dass sie eine bestimmte Zeit am Tag für die Gemeinschaft arbeiten. Das entscheidet dann auch die Gruppe. Die sagen dann vielleicht, wer arbeitsfähig ist und keinen eigenen Haushalt zu versorgen hat, der sollte meinetwegen mindestens zwei Stunden am Tag arbeiten. Die gehen dann z.B. Holz stapeln oder helfen in der Küche oder bei allen möglichen Arbeiten.

Wie läuft eine Versammlung zum Einigen Verständnis ab?
Diese Treffen sind freiwillig und dienen dazu, sich über alle möglichen Fragen des Zusammenlebens zu einigen, auf der Basis der Schriften von Vissarion. Es wird ein Versammlungsleiter bestimmt, und dann wird gefragt, ob jemand eine praktische Hilfe braucht und ob jemand ein Thema hat, über das gesprochen werden soll. Für das zweitere gibt es feste Regeln. Diese besagen z.B. dass bevor eine Situation in der Gruppe besprochen wird - im Prinzip sind es ja meistens zwei Parteien, die da was miteinander zu klären haben - dass die beiden also über die Faktenlage bereits zu einem Einigen Verständnis gekommen sein sollten. D.h. wenn die Situation unterschiedlich gesehen wird, dann kann die Situation (noch) nicht in der Gruppe besprochen werden.
Es ist im Vorfeld so, dass wenn ich mit jemandem eine Bedrängnis habe, dann ist dieser als gläubiger Mensch verpflichtet, das mit mir zu klären. Und umgekehrt ist es auch so, dass wenn ich mit jemandem eine Bedrängnis habe, dann muss ich das als gläubiger Mensch ansprechen, ich kann das nicht einfach unter den Teppich kehren, es geht darum, dass keine Spannung zwischen uns bleibt.
Dann kommt man und sagt, so und so ist die Situation, und dann werden in der Regel Fragen gestellt an beide, der Versammlungsleiter sagt also: 'Hat jemand Fragen, die einer Klärung dienen?' Das Hauptziel dieser Fragen soll sein, die Motivation der beiden herauszufinden. Dann wird in der Gruppe überlegt, ob so ein Fall schon einmal vorgekommen ist und wie man als gläubiger Mensch in so einem Fall richtig handeln würde. Die anderen können einem also was raten, aber das ist nur ein Rat. Was die beiden daraus machen, ist ihre Sache. Es geht darum, dass keine Spannung bleibt, dass die emotionale Beziehung rein gehalten wird. Wenn man die Motivation des anderen versteht und im besten Fall auch akzeptieren kann, dann ist die Sache eigentlich schon geglättet.
Manchmal kommt es nicht sofort zu einer Klärung. Aber die Leute gehen mit dem, was sie gehört haben, erst mal nach Haus und bewegen die Dinge innerlich. Oder gehen eine Stufe höher, zum Kirchenrat, wenn es ein wichtiger Fall ist.

Handwerker-Ausstellung auf dem Sommerfest
Handwerker-Ausstellung auf dem Sommerfest

Bist du mit der Kommunikation in eurem Dorf zufrieden?
Eigentlich schon, im Prinzip kann man jedes Thema ansprechen, und es wird auch jedes Thema im Prinzip behandelt. Ich könnte mir noch mehr Offenheit vorstellen, dass die Menschen wirklich mit ihrem Innersten herausrücken und dass es auch ein Umfeld gibt, wo man das kann. Also wenn wirklich emotional schwierige Fälle im Dorf sind, wie z.B. Beziehungsangelegenheiten, dann kann man schon feststellen, dass in der Versammlung eine sehr weiche Atmosphäre ist und das Bedürfnis, den anderen zu helfen.
Aber es kommen nicht alle solcher Fälle zur Sprache. Man weiß ja, was bei den Leuten so los ist, und dann würde man sich manchmal wünschen, dass die Leute dieses Problem in die Gruppe tragen, aber das wird häufig nicht gemacht. Möglicherweise geht man auch mal hin, wenn einen die Person interessiert und sagt: 'Was ist denn da bei euch eigentlich los?', doch das ist dann mehr ne Eigeninitiative, aber viele Dinge, von denen man weiß, dass sie irgendwie am Brennen sind, kommen nicht ans Tageslicht.
Die Leute denken vielleicht, das ist nicht so wichtig oder das interessiert die anderen nicht ... oder was weiß ich. Und das ist eigentlich schade, weil das verhindert, dass es einen noch größeren Zusammenhalt der Leute gibt, was für unser Dorf und wohl auch für alle anderen Dörfer das Wichtigste wäre. Dass man also das Gefühl hätte, wir sind eine Familie. Es wird zwar viel über Familie gesprochen, aber meist nur im Zusammenhang mit Geld und Arbeit und nur selten wird über die emotionale Verbindung der Menschen untereinander geredet, und das stört mich schon gewaltig.

Was hat es mit dem Küsterdienst auf sich, den du öfter ausübst? Ist das freiwillig, und was machst du da genau?
Das ist freiwillig - aber "Ehrensache". Die Männer des Dorfes wechseln sich bei diesem Dienst ab. Man lebt eine halbe Woche als "Wächter" in der kleinen Kapelle des Dorfes, kümmert sich um das "ewige" Licht, die Kerzen etc. Der eigentliche Gewinn aber sollte die innere Einkehr sein. Eine Art komprimiertes Klosterleben. Schriften lesen; kommunizieren nur, wenn notwendig. Die Frauen sollen ihre Männer in dieser Zeit in Ruhe lassen, vor allem nicht mit alltäglichen Problemen belasten. Essen bringen - meinetwegen ein Küsschen - und weg!

Schlägst du auch die Glocke?
Ja, das gehört dazu. 5 mal am Tag im Abstand von 3 Stunden. Das soll die Menschen im Dorf zu einer kurzen Andacht animieren.

Die Kapelle von Guljáewka
Die Kapelle von Guljáewka

Ich habe gehört, dass auch immer wieder Leute vom Berg angefordert werden?
Ja, es ergeht ein Aufruf vom Berg [= Modellsiedlung, Sonnenstadt], dass sie für bestimmte Arbeiten eine bestimmte Anzahl von Leuten aus den verschiedenen Dörfern brauchen. Es geht dabei um Spezialisten ebenso wie um Kräfte für unqualifizierte Arbeiten.
So ein Dienst dauert eine Woche, man wohnt dann in der Zeltstadt bzw. es ist jetzt schon eine kleine Blockhaussiedlung. Das sind jede Woche so ca. 30 Männer und einige Frauen, die auf dem Berg arbeiten.

Und wie oft fällt das an?
Man soll alle fünf Wochen dafür bereit sein. Also, man ist vier Wochen zuhause und geht dann wieder eine Woche auf den Berg. Für die, die viel gehen, ist es vielleicht 7 mal im Jahr, und für die, die weniger gehen, ist es vielleicht 4 mal im Jahr. Es geht dabei hauptsächlich um Unterstützung bei den Bauarbeiten. Man reist am Montag an und steigt am nächsten Montag wieder ab, so hat man Gelegenheit, an der sonntäglichen Liturgie teilzunehmen. Das ist quasi der Lohn für die Mühen.

Kommt ihr denn im Alltag auch dazu, in den Schriften zu lesen, und ist euch das wichtig?
Das wird natürlich als sehr wichtig angesehen, um immer mit den neuesten Gedanken des Lehrers vertraut zu sein. Für die Deutschen, die noch nicht so perfekt im Russischen sind, ist das naturgemäß etwas schwieriger. Ob man dazu kommt, hängt davon ab, welche Priorität man dem einräumt. Das wird sehr unterschiedlich gehandhabt.

Kommt es denn vor, dass für manche in der Gemeinschaft ihre Daseinsberechtigung ein gewisses Problem darstellt?
Ja, also ich muss sagen, für mich ist das auch ein Thema. Wenn ich jetzt nicht so bisschen mit der Werkstatt mein Alibi hätte, dann würde ich mich auch fragen müssen, wozu bin ich eigentlich da. Ich kann nicht mehr richtig arbeiten usw.
Nachtrag November 2016:
Das hat sich geändert. Ich denke schon, dass ich auf meine Art in der Gemeinschaft einen wertvollen Beitrag leiste

Altar der Erde
Altar der Erde

       Empfehlungen für Interessenten

Was würdest du unter diesem Blickwinkel Leuten empfehlen, die sich mit der Absicht tragen, dauerhaft in der Gemeinschaft zu leben?
Für einen Mann wäre es das Beste, wenn er ein Hobby, eine Neigung oder ein Talent bis zur Meisterschaft ausbildet - und zwar schon bevor er hierher kommt. Man sollte also das Ziel haben, hier eine Werkstatt aufzubauen. Wenn man das als Mann nicht hat, dann muss man überlegen, warum man eigentlich hierher kommt, dann muss man überprüfen, ob es nicht reiner Egoismus ist.
Ich sage mal, wenn man kommt und sagt, ich helfe mit, ich bin jung, ich habe Kraft, ich helfe mit beim Aufbau, ich kann zwar selbst nichts ... dann fände ich, ist das auch in Ordnung. Aber einfach nur so zu kommen und zu sagen, das ist gut für meine geistige Entwicklung ... das ist dann schon mehr Egoismus, meine ich.
Man sollte die Gnade, einen Platz in der Gemeinschaft zu bekommen, einen Wohnplatz und einen Lebensraum, schon dazu nutzen, um dem Gemeinwohl zu dienen, also Aufbau der neuen Entwicklungsphase, das ist meine Vorstellung.

Das war jetzt mehr für Männer gesprochen. Und für Frauen?
(Wie aus der Pistole geschossen:) Die sollen den Männern dienen. (Lacht.)
Nachtrag November 2016:
Das nehme ich in dieser Form gern zurück! Mann und Frau dienen sich gegenseitig - nur vielleicht auf
unterschiedliche Art und Weise.

Wir haben eben einen Großteil unserer weiblichen Leser verloren. Könntest du bitte für den verbliebenen Rest noch etwas Tröstliches sagen?!!
Es wäre interessant, die Gründe dafür herauszufinden. Liegt es an der Gemeinschaft, liegt es an euch in Deutschland, oder liegt es gar an den Vorurteilen der Leser selbst, die irgendwie zerstört werden? Ich vermute, das Dritte ist der Fall! Die Lehre Vissarions ist unbequem, deckt Vorurteile und Egoismen auf, die man lieber verdecken möchte. Ich kann da keine Trostworte sprechen, das schafft nicht einmal Vissarion. Da muss man durch, sich dem stellen!
Nachtrag November 2016:
Die Mann-Frau-Beziehung ist ein immer wiederkehrendes Thema bei Vissarion. Gerade aktuell (Oktober/November 2016) wird dieses Thema von Vissarion im Internet unter "vissarion.name" neu beleuchtet.

Feier am Fluss
Feier am Fluss

       Männer und Frauen

Wie wird denn die Rolle von Mann und Frau in der Gemeinschaft gesehen?
Der Mann ist der Entscheidende in der Familie. Er ist derjenige, der auf einem Gebiet des Handwerks seine Meisterschaft ausübt und damit für das Brot sorgt. Die Frau unterstützt ihn dabei, sie kümmert sich um den Haushalt, die Kinder und den Garten. Er wiederum unterstützt sie darin, wenn schwere Arbeiten anfallen, z.B. Holzhacken, und er hält das Haus instand. Der Mann übernimmt die Verantwortung für die Frau, also dass es ihr gut geht in jeder Beziehung, sowohl materiell als auch seelisch. Das ist das Ideal.
Sexualität ist immer wieder ein interessantes und beliebtes Thema. In der Sexualität soll der Mann darauf achten, dass er seinen Egoismus zurückstellt und dass die Frau zufrieden ist. Sexualität ist die Domäne der Frau, für den Mann ist Sexualität nicht so wichtig, und deshalb ist in der Sexualität der Mann der Diener der Frau. Für den Mann ist mehr die geistig-seelische Entwicklung wichtig, seine Beziehung zu Gott. Für die Frau ist die Beziehung zum Mann und zu Mutter Erde wichtig.
Für viele ist das, was ich jetzt dargestellt habe, sicherlich eine Herausforderung, ich empfinde diese neuerliche klare Trennung zwischen den Verantwortlichkeiten von Mann und Frau als sehr wohltuend, weil ich das, was ich im Moment in der Gesellschaft sehe, als sehr ungesund empfinde. Frauen versuchen männlich zu sein und scheitern entweder kläglich damit oder sie werden eben männlich und sind dann für Männer nicht mehr attraktiv. Und Männer werden tendenziell fraulicher und sind dann für Frauen nicht mehr so attraktiv.
Diese Trennung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Aspekt, also die Polarität, kommt wieder deutlicher zum Vorschein, und damit werden Männer und Frauen wieder interessanter für einander. Was im Moment für viele eine Herausforderung ist, ist also eigentlich eine Befreiung, so sehe ich es. Auch in Russland kommen die Leute ja aus einem emanzipierten Umfeld, aber nach einiger Zeit wird es von den meisten als wohltuend empfunden.
Nachtrag November 2016:
Die Mann-Frau-Beziehung ist ein immer wiederkehrendes Thema bei Vissarion. Gerade aktuell (Oktober/November 2016) wird dieses Thema von Vissarion im Internet unter "vissarion.name" neu beleuchtet.

Ich habe oft Schwierigkeiten, emanzipierten deutschen Frauen die Rolle der Frau, wie sie in der Gemeinschaft gesehen wird, zufriedenstellend zu erklären. Ich empfehle dann meistens, dass sie selbst mal hinfahren sollen und sich mit den dortigen Frauen unterhalten sollen. Ich habe das Gefühl, dass man mit Erklärungen nicht weit kommt.
Ja, man muss es einfach erleben und dort mit den Frauen sprechen. Aber, wie gesagt, ich habe ein Ideal beschrieben. In der jetzigen Übergangsphase ist einfach alles möglich. Viele Frauen sind heutzutage immer noch die besseren Organisatoren. Dann ist es eben so, und man nutzt dann diese Fähigkeiten und reitet nicht auf irgendeinem Wunschdenken oder einem Prinzip herum.

Es ist doch ein Riesenvorteil für euch, dass ihr in einer Paarbeziehung seid.
Ja, das macht einen ganz großen Unterschied, das kann man überhaupt nicht hoch genug einschätzen, was das für ein Unterschied ist, auch für die geistige Entwicklung. Also, wenn du nur die Reibereien in der Gruppe hast, dem kannst du dich irgendwie entziehen, wenn es dir zu viel wird, aber in der Paarbeziehung kannst du dich nicht entziehen, da musst du die Sache durchstehen - und das beschleunigt die Entwicklung. Weil du hast dann die Wahl: entweder spielst du den Griesgram bzw. die beleidigte Leberwurst - oder du löst die Sache.

Frau mit geflochtenem Hut
Frau mit geflochtenem Hut

Könnte man also daraus die Empfehlung ableiten, dass es gut ist, sich hier als Paar anzusiedeln?
Um hierher zu gehen, ist es egal, aber hier sollte man dann eine Paarbeziehung suchen. Also als Mann für eine Frau die Verantwortung zu übernehmen, beschleunigt sicherlich die Entwicklung.

Und als Mann hat man doch sicherlich auch gute Chancen, hier bald fündig zu werden, oder?
Frauen sind in der Überzahl, aber man muss auch sagen, es sind sehr viele ältere. Von den jungen Frauen, ich sage mal von den heiratswilligen und -fähigen sind auch nicht so üppig viele da, da könnte man fast von einem Gleichgewicht sprechen.
Von der älteren Generation sind es wesentlich mehr Frauen als Männer, wesentlich. Also bei den Menschen über 50 würde ich sagen, es gibt fast 5 mal so viele Frauen wie Männer. Bei den jungen Leuten ist es in der Tendenz eher ausgeglichen.

Wie sieht der Alltag von Frauen aus?
Die Regel ist so: Wenn eine Frau, ich sage mal, jemanden hat, den sie versorgt, dann hat das Vorrang vor allem anderen. Und wenn sich darüber hinaus zusätzliche Freizeit ergibt, dann kann sie die nützen, wie sie will, also vor allem für künstlerische und handwerkliche Tätigkeiten. Aber die Voraussetzung ist, dass man sein Tagwerk gemacht hat, also dass der Mann zufrieden ist.
Wenn eine Frau allerdings kleine Kinder hat, womöglich noch mehrere, dann ist sie natürlich rund um die Uhr beschäftigt, aber wenn - wie bei uns - keine Kinder da sind, dann hat die Frau noch genügend Zeit am Tag. Also Louisa macht am Vormittag alles, was im Haus zu tun ist, und am Nachmittag macht sie Sachen, die sie ansonsten gerne macht - handwerklich, designerisch, ...

Ich weiß von unserem Verein Ökopolis e.V., dass wir viel mehr Anfragen von Frauen haben, die sich für die Gemeinschaft interessieren, insbesondere auch von alleinstehenden, die also keinen Mann haben, dem sie dienen könnten.
Also, ich sag mal so: Wenn ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, den starken Wunsch hat, in die Gemeinschaft zu gehen, dann soll er das einfach machen und sehen, was passiert. Aber dann auch mit dem Wunsch, in welcher Form auch immer, mitzuhelfen, und dann wird die Gemeinschaft schon einen Platz für diesen Menschen finden. Und wenn es eine Frau ist, wird sie z.B. zum Helfen in einer Werkstatt eingesetzt, falls sie keine eigenen Initiativen entwickelt. Oder irgendwo, an einem Platz, wo sie nützlich sein kann.
Also, dass man nicht weiß, was man da machen soll, sollte niemals ein Hinderungsgrund sein. Man sollte dann nicht sagen, natürlich, dann geh ich lieber nicht, obwohl man eigentlich ein starkes inneres Gefühl hat, dass man gehen sollte. Dann sollte man wirklich hingehen und es zumindest ein halbes Jahr versuchen. Und wenn man dann meint, man passt da nicht hin, dann kann man immer noch gehen. Aber man sollte trotzdem hingehen und versuchen, ob sich was ergibt.

Haus in Tscheremschánka
Haus in Tscheremschánka      (Foto: C.B., 2009)

Das Ungleichgewicht zwischen der Anzahl der Männer und Frauen in der Gemeinschaft scheint auch noch in anderer Hinsicht problematisch ...
Es ist hauptsächlich ein Problem, wenn alleinstehende Frauen, insbesondere ältere, meinen, sie müssten alleine ein Haus bewohnen - und dann auch noch die Arbeitskraft der jungen Männer in Anspruch nehmen, die eigentlich dem Aufbau der Gemeinschaft dienen sollten.
Ein eigenes Haus erfordert nun mal sehr viel Arbeit, die von den Frauen oft nicht alleine geleistet werden kann. Das wird zunehmend als nicht tragbar erachtet, und deshalb werden jetzt Altersheime ins Auge gefasst, wo vieles gemeinsam gestaltet werden kann und wo ein Mann im Haus ist, der die schweren Arbeiten, wie Holz heranschleppen usw. bewerkstelligt, damit nicht die Kraft der jungen Leute sozusagen vergeudet wird, wenn ständig bei den vielen Einzelhäusern wieder ein Zaun repariert oder etwas anderes gemacht werden muss.
Bei uns im Dorf gibt es sehr viele alleinstehende Frauen, und die haben alle ein eigenes Haus und die Diskussion kommt immer mal wieder auf. Im Moment haben wir noch kein Altersheim, also müssen wir ihnen helfen. Es ist natürlich nicht so, dass man sagt, dann helfen wir ihnen eben nicht, sondern es wird ihnen schon geholfen. In Tscheremschánka ist wohl schon etwas im Entstehen, evtl. auch in Petropáwlowka, da bin ich mir aber nicht sicher.

       Kulturelle Unterschiede

Was kannst du über die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Russen sagen?
Die Russen haben ihre Identität mehr bewahrt als die Deutschen. Das ist historisch bedingt. Der eigentliche Verlust der Deutschen durch den 2. Weltkrieg ist der Verlust der Identität bei der damaligen Jugend. Viele sind doch zum großen Teil kleine Amis geworden: Rock`n Roll, Coca Cola, MacDonald und Co.
Die Russen hören größtenteils noch ihre eigenen Lieder. Zugegeben: viele Poplieder sind auf einem unerträglich niedrigen Synthesizer-Niveau.
Nachtrag November 2016:
Die "Amerikanisierung" greift nun auch in Russland - besonders unter den Jugendlichen

Gibt es eigentlich noch Vorbehalte gegen Deutsche, die aus der Zeit des 2. Weltkriegs herrühren?
Jedes Jahr am Tag der Befreiung - das ist der 8. Mai, der Tag der Kapitulation der Deutschen - laufen im Fernsehen immer noch diese heroischen Filme. Auch sonst ist in vielen Spielfilmen der Antagonist oftmals ein Deutscher. Andererseits bewundern die Russen die Deutschen. Aber das ist - wie auch in Westeuropa - eher Respekt, keine Liebe. Das ist wohl das Schicksal der Deutschen, dass sie von der Welt nicht geliebt werden.

Musikantentruppe
Musikantentruppe      (Foto: Simkin)

       Die Regeln der Gemeinschaft

Gibt es Dinge aus Deutschland, die ihr vermisst?
Manchmal ne Pizzeria, ein Gläschen guten Wein, Cappuccino, Tiramisu …. Einfach gepflegt ausgehen. Ein bisschen Rumphilosophieren, aber nicht zu ernsthaft.

Höre ich da richtig? Hast du Wein gesagt? Ich denke, der Konsum von Alkohol ist in der Gemeinschaft tabu?
Das ist in der Tat tabu. Ich habe nur auf eine konkrete Frage ehrlich geantwortet.

Ich lebe schon vegetarisch, die Umstellung auf vegan erscheint mir aber zu schwierig. Leben dort denn wirklich alle schon vegan? Wie viel Wert wird überhaupt auf die Ernährung gelegt?
Jeder entscheidet selbst: vegan oder nicht. Wie viel Wert jemand auf die Ernährung legt, liegt bei jedem selbst. Vissarion folgt dem Prinzip: Verlange nichts, was der andere nicht einhalten kann. Aber der Empfehlungen gibt es viele. Und natürlich weiß jeder, dass eine gute Ernährung wichtig ist für die geistig-seelische Entwicklung.

Wie viele Zwänge gehen von der Gemeinschaft aus?
Es gibt sehr wenige Zwänge, würde ich sagen. Die Mitglieder der Gemeinschaft sind angehalten, nicht zu rauchen, keinen Alkohol oder andere Drogen zu konsumieren und sich vegetarisch oder besser noch vegan zu ernähren.
Zum Ausschluss aus der Gemeinschaft kommt es nur bei groben Vergehen. Dazu gehören insbesondere grobe Tätlichkeiten, also wenn z.B. die Frau oder Kinder geschlagen werden. Oder wenn Trinken oder Rauchen derart zur Sucht wird, dass man nicht davon lassen kann. Man darf dann zwar im Dorf weiterleben, aber nimmt nicht mehr am Gruppenleben teil.
Man muss dabei bedenken, dass, wenn man in der Gruppe ist, man ja sozusagen sozial abgesichert ist. D.h. wenn du eine Not hast, dann wird dir geholfen. Wenn du nicht in der Gruppe bist, dann kannst du das nicht erwarten. Es wird allerdings in den meisten Fällen doch so sein (bisher war es immer so), dass den Ausgeschlossenen auch geholfen wird, aber es wird erst mal vorher darüber gesprochen, dann ist das also nicht so selbstverständlich. Und dann wird auch vorrangig den Kindern geholfen.

Mir ist bei manchen Fragen aufgefallen, dass du hauptsächlich über die Verhältnisse in deinem Dorf konkret Auskunft geben kannst. Was in den anderen Dörfern geschieht, die ja gar nicht so weit entfernt liegen, bleibt eher vage. Und selbst das, was in eurem Dorf stattfindet, erscheint mir manchmal ziemlich diffus, obwohl ihr jetzt schon jahrelang dort lebt. Wenn ich in eine Gemeinschaft ziehen wollte, möchte ich doch ganz genau wissen, auf was ich mich da einlasse. Ihr könnt aber anscheinend damit leben, dass ihr euch auf etwas Diffuses einlasst.
Richtig. Das gehört auch dazu. Dadurch lernt man zu vertrauen, dass alles, was ist, okay ist. Das ist überhaupt das Wichtigste zu lernen: Alles, was ist, ist okay. Und das kann noch so bescheuert sein. Alles ist ein Geschenk für dich. Da kommt so ein richtiges A... auf dich zu und macht irgendwas völlig Bescheuertes und dann sagst du: 'Dankeschön, lieber Gott, dass ich das auch noch lernen durfte.' Das ist jetzt ganz ernst gemeint.
Wenn alles so sanft und super und happy wäre, dann könntest du das gar nicht lernen. Wenn du in so einer soften Watte-Gemeinschaft lebst und mit allen gut Freund bist, und dann kommt plötzlich das wahre Leben daher ... dann kippst du um. Dann sagst du: 'Dieser Sch...kerl, mit dem möchte ich nichts zu tun haben ...!' anstatt zu sagen: 'Oh ja, danke!' Aber das ist eine Eigenschaft, die ich in mir auch noch nicht so gänzlich entwickelt habe.

Kann man sagen, dass sich euer Leben hauptsächlich im Rahmen eures Dorfes abspielt und ihr von den Vorgängen in den anderen Dörfern eher wenig mitbekommt?
Ja, das ist schon so. Wenn man auf den Berg zum Arbeiten geht, kann man sich viel mit anderen austauschen. Im Großen und Ganzen sind die Unterschiede in den Dörfern nicht so groß, die Anforderungen und Anfechtungen die gleichen.

Heißt das dann eigentlich auch, dass man über die Gemeinschaft als Ganzes eher keine allgemeinen Aussagen machen kann, sondern dass man sich immer die Gegebenheiten in den verschiedenen Einheiten z.B. in den einzelnen Dörfern ansehen muss?
Wie gesagt: Bist du in einem Dorf und nimmst dort intensiv am Geschehen teil, dann weißt du im Prinzip auch, was in anderen Dörfern geschieht.

Ich werde gelegentlich gefragt, was es Neues in der Gemeinschaft gibt und dann fällt es mir meist schwer, etwas zu berichten. Entwickelt sich die Gemeinschaft eher in kleinen und unauffälligen Schritten?
So könnte man es formulieren. Der Fortschritt besteht in den kleinen Fortschritten der beteiligten Individuen.

Schamane bei einer Feierlichkeit
Schamane bei einer Feierlichkeit

       Struktur und Hierarchie

Welche "Gremien" gibt es in der Gemeinschaft?
Dorfübergreifend gibt es den Kirchenrat, bestehend aus 3 oder 4 Leuten. Ich glaube, der ist von Vissarion eingesetzt, der ist nicht gewählt. Der Kirchenrat hat die Aufgabe, Fragen an Vissarion vorzusondieren und zu entscheiden, ob eine Frage schon früher von Vissarion beantwortet wurde. Die müssen also die Schrift durchsuchen und belegen, dass eine Frage schon geklärt ist. Sie können die Frage ihrem Verständnis nach beantworten, oder aber sie geben die Frage an Vissarion weiter, wenn sie sich unsicher sind.
Wenn sie eine Frage selbst beantworten, kann der Fragende aber, wenn er mit der Antwort nicht zufrieden ist, darum bitten, dass Vissarion selbst befragt wird. Unabhängig davon kann man natürlich am Sonntag - und neuerdings auch am Mittwoch - unzensiert Fragen an Vissarion stellen, auch die, die schon tausend mal gestellt wurden.

D.h. der Kirchenrat ist eher so ein passives Gremium, er bleibt untätig, bis an ihn Fragen gerichtet werden. Er hat keine aktiven Aufgaben, etwas zu planen, zu lenken oder irgendwo einzuschreiten?
Ja. Der Kirchenrat arbeitet quasi reaktiv.

Es gibt doch aber auch staatliche Strukturen.
Ja, es gibt einen Bürgermeister in Tscheremschánka, der für Tscheremschánka, Petropáwlowka, Guljáewka und Shárowsk zuständig ist, diese vier Dörfer werden als Gesamtgemeinde betrachtet. Der jetzige Bürgermeister stammt aus der Gegend, steht aber auch der Gemeinschaft sehr nahe. Deshalb wird er sowohl von den Einheimischen als auch von den Gemeinschaftsmitgliedern respektiert.
Nachtrag November 2016:
Die aktuelle Bürgermeister ist ebenfalls ein Nachfolger Vissarions - der ehemalige Zahnarzt von Petropawlowka.

Ich dachte, dass jedes Dorf einen Bürgermeister hat.
In jedem Dorf wird von den Gemeinschaftsmitgliedern ein sog. Dorfältester (Starost) bestimmt, und der wird auch von den Einheimischen in Anspruch genommen, wenn sie Probleme haben. Das ist eine ehrenamtliche Funktion. Er weiß Bescheid, was in den Familien so läuft, besonders an Problemen. Er hilft Ausländern, damit diese gültige Dokumente haben und Hilfe bekommen. Er ist dafür verantwortlich, dass mit den Häusern alles gerecht geregelt wird, also wer welches Haus bekommt usw.
Der Dorfälteste hat mehr eine fürsorgerische Funktion. Er spricht nicht für das Dorf und hat bei Entscheidungen keine besonders gewichtige Stimme.
Nachtrag November 2016:
Die Funktion des Dorfältesten wurde abgeschafft. Die praktischen Belange des Dorfes (u.a. die tägliche Aufgabenverteilung) werden von einem dreiköpfigen "Wirtschaftsrat" geleitet. Für die geistigen Fragen ist entweder ein Priester verantwortlich (davon gibt es in der Gemeinscgaft inzwischen sechs), oder - wie in Guljaewka - ein von der Dorfgemeinschaft gewählter Verantwortlicher.

Wie fallen dann Entscheidungen im Dorf?
Da gibt es Konventionen, aber keine festen Regeln. In den kleineren Dörfern versuchen sie es meistens so zu machen, wie sie es in Petropáwlowka machen, weil sie davon ausgehen, dass es dort am ehesten so ist, wie Vissarion meint, dass man es machen sollte.
Im Moment hat es sich so entwickelt, dass es eine Männer-Versammlung gibt, einmal die Woche, und eine allgemeine Wirtschaftsversammlung. In der Männer-Versammlung werden Entscheidungen vorbereitet und man legt sich auch schon mal fest, wie eine Sache am besten zu machen ist, aber abschließend entschieden wird dann in der Hauptversammlung, wo dann auch die Frauen dabei sind. Bei uns sind ja sehr viele Frauen und insofern kann eine Sache in der Hauptversammlung noch mal ganz neu entschieden werden.

Wer leitet diese Versammlungen?
Am Anfang jeder Versammlung wird ein Moderator gewählt, der sich eigentlich auch nicht an der Diskussion beteiligen sollte, das geht ganz flott. Der Moderator fragt dann, welche Themen anliegen, diese werden von einem Protokollanten aufgenommen und zumeist vom Moderator in eine Reihenfolge gebracht und dann Thema für Thema abgehakt.

Haus in Shárowsk
Haus in Shárowsk

Nach welchem Modus werden Entscheidungen getroffen?
Wir entscheiden noch nach dem Mehrheits-Prinzip. Die Mehrheit der anwesenden Stimmberechtigten entscheidet, also keine Gäste usw. Wenn die Entscheidung allerdings sehr knapp ausfällt, wird der Moderator vielleicht fragen, ob man die Entscheidung evtl. vertagen soll oder noch mehr Informationen einholen und alles überdenken soll. Also, wenn es sich um wichtige Entscheidungen handelt, kann es sein, dass das Problem nochmals neu aufgerollt wird.

Um was für Fragen geht es denn da so?
Es geht im Wesentlichen um Fragen organisatorischer und wirtschaftlicher Natur. Bei organisatorischen Fragen geht es zumeist um Feste und Festvorbereitung, da ist ja rund ums Jahr immer was los und das erfordert viel Aufmerksamkeit.

Gibt es bei euch im Dorf auch einen Wirtschaftsrat?
Gibt es. Solange wir noch mit Geld operieren, verwalten wir einen richtigen Haushalt. Das heißt, es gibt verschiedene Fonds, z.B. für die Entwicklung von Werkstätten, für den Kindergarten, für Krankheitsfälle (also wenn jemand ins Krankenhaus muss z.B.), für Feste und Feierlichkeiten, für Brennmaterial für öffentliche Gebäude, also bei uns für die Kirche und den Kindergarten und für viele kleinere Bereiche. Eine Buchhalterin führt alle Ein- und Ausgaben in einem Journal.
Dann wird entschieden, welche gemeinsamen Projekte wir machen, insbesondere Bauprojekte, wo jetzt bei wem Hilfe angesagt ist, z.B. bei einem Grundstück ist der Zaun morsch geworden und eingebrochen und dann entscheidet man, wer, mit wie viel Leuten, wann und ob überhaupt man dort etwas unternimmt. Also Arbeitseinsätze, z.B. auch zum Sauberhalten des Geländes am Fluss, wo im Sommer viele Touristen hinkommen, das haben wir uns zur Aufgabe gemacht. Natürlich beim Bauen helfen oder jetzt im Winter Schnee räumen und Dächer abschaufeln, das ist im Winter eine immer wiederkehrende Aufgabe. Das machen wir hauptsächlich am Samstag, da ist immer 4-5 Stunden allgemeine Arbeit angesagt, also für die Männer, die Frauen machen 2 Stunden, glaube ich. Da werden dann Gruppen eingeteilt, z.B. ihr 4 Leute nehmt den Bereich und schaufelt dort die Dächer frei usw. Also, das macht nicht jeder für sich selbst, sondern da gehen Arbeitstrupps los und machen die Dächer frei.

 Männer beim Abschaufeln eines Daches
Männer beim Abschaufeln eines Daches

Gibt es neben dem Kirchenrat noch ein weiteres dorfübergreifendes Gremium?
Es gibt die Versammlung der Dorfältesten. Da werden hauptsächlich Informationen weitergegeben und ausgetauscht. Die entscheiden aber überhaupt nichts. Es gibt immer wieder Hinweise von Vissarion, wie die Dörfer sich strukturieren sollten, wie sie sich verwalten und regieren sollten. Das ist ja nicht ganz unwichtig. Solche Sachen werden hier weitervermittelt.
Letztens ging es z.B. um eine Vorstellung des Lehrers, dass die Dörfer sich nicht mehr einzeln betrachten, sondern dass es im Prinzip drei Säulen unserer Gemeinschaft gibt, also die Paare, sowie die alleinstehenden Männer und die alleinstehenden Frauen, die sozusagen in sich einen einheitlichen Schwingungskreis bilden - und das dörferübergreifend. Dass man das also nicht mehr nach Dörfern sieht, sondern nach energetischen Gruppen.
Das war so ein Impuls, der von Vissarion kam, mit der praktischen Maßgabe, dass sich z.B. die Frauen zu Frauenkreisen treffen sollten und wo dann auch gewisse Leute autorisiert wurden, diese Treffen inhaltlich zu strukturieren. Bei den Männern ist es meistens der Priester Sergej, der da führend wirkt.
Nachtrag November 2016:
Die Versammlung der Dorfältesten ist nun eine "Konferenz" von meistens mehreren Vertretern aller Dörfer. Hier werden hauptsächlich die Anregungen Vissarions weitergegeben. Auch werden hier die dorfübergreifenden Festlichkeiten vorbereitet.

       Die Einige Familie

Was versteht man eigentlich unter dem häufig zu hörenden Begriff "Einige Familie"?
Die Einige Familie sollte so etwas sein wie eine große Naturfamilie. Das heißt u.a., man wirtschaftet zusammen. Vor allem aber sollte ein gutes Vertrauensverhältnis untereinander herrschen, ein rücksichtsvoller und verständnisvoller Umgang untereinander.

       Finanzielles

Man hört immer wieder, dass in der Gemeinschaft kein Geld kursiere. Ist das wirklich wahr?
Nein. Im Moment leben wir noch mit Geld. In der momentanen Übergangsphase ist es nicht empfehlenswert, ohne ein gewisses finanzielles Polster in die Gemeinschaft überzusiedeln. Man muss sich ein Haus kaufen oder bauen lassen können. Und man muss - je nach seinen Bedürfnissen - irgendwie leben können. Entweder du stellst etwas her, was für andere interessant ist und was deinen Unterhalt sichert; oder du hilfst irgendwo - für Unterkunft, Verpflegung und Abdeckung der minimalen Lebensunterhaltskosten. Es ist ratsam, das alles vorher zu klären, bevor man übersiedelt.
Man braucht allerdings für westliche Verhältnisse nicht sehr viel. Also wenn man 25-30 Euro pro Monat hat oder sagen wir meinetwegen auch 50 Euro, um auf der sicheren Seite zu sein, dann kann man dort leben, vorausgesetzt man hat einen Platz, wo man wohnen kann.

Stand der Textilwerkstatt auf dem Sommerfest
Stand der Textilwerkstatt auf dem Sommerfest

Wie funktioniert das mit den Finanzen in der Einigen Familie?
Wenn man Voll-Mitglied ist in der Einigen Familie, dann gibt man in der Regel alles, was man an Einkünften hat, ab und behält nur ein Minimum zum Leben ein. Wie viel jemand als Minimum benötigt, das wird individuell betrachtet. Wenn man z.B. zusätzliche medizinische Hilfe braucht, oder auch, wenn es für jemanden wichtig ist, einmal im Jahr nach Deutschland zu reisen aus den und den Gründen. Dann dürfen die dafür etwas einbehalten. Aber das sind dann Regelungen, die man mit der Gemeinschaft ausmacht, und dann kann man entscheiden, ob man damit leben kann oder nicht. Aber die Standard-Regel ist, alles abzugeben.
Nachtrag November 2016:
Die Regel, alles abzugeben, wurde wegen praktischer Undurchführbarkeit aufgehoben. Die Leute - wir auch - sind dafür noch zu sehr auf Eigennutz fokussiert. Im Moment werden 10% an die Gemeinschaft abgegeben (der "Zehnte" also), weitere 20% gehen in die Dorfkasse.

Heißt das, wenn ich Vermögen habe, gebe ich das ab? Ebenso wenn ich noch laufende Einnahmen (wie Rente oder Mieteinnahmen etc.) habe? Wie ist es z.B. mit dem eigenen Haus, evtl. dem Auto? Wird das alles dann Eigentum der Gruppe?
Man entscheidet sich freiwillig zu dem Schritt in die "Einige Familie". Allerdings: Die Einige Familie ist Vissarions Hauptanliegen. Die ganze Welt soll eine Einige Familie werden, in der jeder über den anderen Bescheid weiß - wie in einer Großfamilie - und in der alle Güter gerecht miteinander geteilt werden.
Im Einzelnen sieht das so aus, dass private Güter, insbesondere Haus und Grund, beim Eigentümer verbleiben. Auch der Haushalt, das Werkzeug etc. ist kein Allgemeingut. Wenn du aber Einkommen hast, so kommt das der Allgemeinheit zugute - bis eben auf das Minimum für den Lebensunterhalt.

Wie wird das gehandhabt, wenn ich die Einige Familie wieder verlassen will? Bekomme ich dann mein Vermögen zurück?
Ich habe das im Detail noch nie erlebt, auch weil wir es - wie gesagt - in unserem Dorf noch gar nicht geschafft haben, eine wirklich funktionierende Einige Familie zu organisieren. Mein Eindruck ist auch, dass es wirklich reichen Leuten - und davon gibt es ja nur ganz wenige - zumeist gelingt, ihr Vermögen nicht einzubringen, z.B. indem sie nicht Voll-Mitglied in der Einigen Familie werden, sondern nur Helfer. Insofern ist das mit dem Verlassen der Einigen Familie auch nicht so problematisch.

Wie hoch ist denn das Minimum aktuell?
Das ändert sich immer wieder, und es variiert sogar von Dorf zu Dorf. Mal waren es 1000 Rubel (ca. 25 Euro), mal ging es runter auf 500 Rubel. Aber dann ist es schon so, dass du dir überlegst, ob du dir 'ne Zahncreme kaufst oder nicht.

Mit diesem Minimum bestreitet man also seinen kleinen alltäglichen Bedarf?
Ja. Und wenn man eine spezielle Ausgabe hat, dann fragt man die Gemeinschaft. Z.B.: Ich friere, ich brauche warme Winterstiefel, könnt ihr mir die kaufen?

Nimmt das nicht viel Zeit ein, alle diese Bedürfnisse zu diskutieren?
Also bei uns in Guljáewka ist das sowieso noch keine Praxis, weil wir de facto noch gar keine Einige Familie sind. Das fängt vielleicht bei uns jetzt gerade so an. In Petropáwlowka weiß ich nicht, ob das schwierig ist oder wie überhaupt.
Nachtrag November 2016:
Es gibt in Guljaewka seit mehreren Jahren eine Einige Familie. Wie oben bereits erwähnt, werden 10% des Einkommens an die Gemeinschaft abgegeben, weitere 20% gehen in die Dorfkasse.

Müsst ihr eigentlich auch Steuern oder sonstige Abgaben bezahlen?
Wer professionell verkauft, muss auch Steuern zahlen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, pauschal zu versteuern, so dass man nicht alles belegen muss. Grundsteuern zahlt man auch, aber vergleichsweise sehr wenig.

Der Fluss Kasir im Nebel
Der Fluss Kasir im Nebel

       Bürokratie

Für den Aufenthalt in Russland braucht man ja ein Visum.
Für einen Kurztrip von maximal 4 Wochen reicht ein Touristenvisum. Wenn jemand länger bleiben möchte, benötigt man eine formelle Einladung. Normalerweise gibt es einen Ansprechpartner in Sibirien, der dabei behilflich ist. Man sollte sich beim Verein Ökopolis in Deutschland nach den aktuellen Gegebenheiten erkundigen.
In jedem Falle ist darauf zu achten, dass der Pass noch ein halbes Jahr über das Einreisedatum hinaus gültig ist. Bei der Beschaffung eines Visums ist das Reisebüro behilflich - vorzugsweise ein auf Russlandreisen spezialisiertes.

Welche bürokratischen Hindernisse kommen auf "Ausländer" zu? Wie sieht es mit der Aufenthaltsgenehmigung aus?
Wenn man hier leben will, beantragt man zunächst einen "zeitweiligen Aufenthalt". Das kann man sowohl in Deutschland als auch in Sibirien tun. Der gilt dann für drei Jahre. Es kann aber bis zu einem Jahr dauern, bis der Bescheid kommt. Für diese Aufenthaltsgenehmigung gibt es in der Regel eine Quote, über die die Konsulate Auskunft geben können.
Nach einem Jahr Aufenthalt in Russland kann man "Aussicht auf Staatsbürgerschaft" beantragen. Das ist so was wie ne Green Card in Amerika. Also man kann frei ein- und ausreisen, arbeiten, und so weiter.
"Aussicht auf Staatsbürgerschaft" gilt für fünf Jahre und kann beliebig oft verlängert werden.
Nachtrag November 2016:
Neuerdings wird für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung eine Prüfung verlangt zu den Themen: Recht, Geschichte und russische Sprache..

       Austausch und Vernetzung

Welche Austauschmöglichkeiten für andere Gemeinschaften oder Individuen kann die Gemeinschaft jetzt schon anbieten?
Jugendaustausch, Wildholz-Praktikum, Pferdezucht, Gärtnern, Waldorf-Schule. Wer irgendeine Art von Austausch sucht, sollte auf jeden Fall mal anfragen, ganz oft lässt sich etwas arrangieren.

       Vorurteile

Meiner Meinung nach wird die Gemeinschaft in den Medien oft als apokalyptische Weltuntergangs-Sekte dargestellt. Wie denkst du darüber?
Die Welt wird nicht untergehen. Sie wird in einem anderen Licht erstrahlen. Mit neuen Menschen. Es ist erhebend, dabei sein zu können.

Gemeinsames Singen im Kirchenraum
Gemeinsames Singen im Kirchenraum     (Foto: Simkin)

Was entgegnest du auf andere Vorurteile, die über die Gemeinschaft in Umlauf sind? Es wird z.B. immer wieder das Schreckgespenst des Massenselbstmordes in Jonestown ausgegraben.
Solche Menschen habe ich noch nicht getroffen. Und was die Beauftragten der evangelischen Kirche im Internet veröffentlichen, das bedarf keines Kommentars. Das ist einfach nur peinlich.

Angeblich soll es dort Männer geben, die mit mehreren Frauen zusammenleben.
Ja, soll es geben. Es gab mal eine Zeit, wo das - man könnte sagen - eine Modeerscheinung war. Es wurden damals aber auch sehr umfangreiche Voraussetzungen von Vissarion aufgestellt, die in einer solchen Beziehung einzuhalten waren. Z.B. dass der Anstoß für ein solches Dreiecks-Verhältnis von der Frau ausgehen musste, die z.B. ihre beste Freundin dazu einlud, mit im Haus zu wohnen.
Für die Frauen war das dann ein Übungsfeld, um mit ihrer Eifersucht umzugehen, für die Männer, um ernsthaft Verantwortung zu übernehmen. Das hat aber inzwischen deutlich nachgelassen.
Wir haben im Dorf eine solche Konstellation, die aber auch sehr problematisch ist und wo fast keine dieser Voraussetzungen erfüllt ist. Das ist also kein Vorzeigefall, das ist eher ein kritischer Fall. Die sind auch in ständigem Kontakt mit dem Kirchenrat und lassen sich da beraten usw. So sollte es eigentlich nicht sein.

Besucher aus Deutschland äußern sich manchmal enttäuscht über das ökologische Bewusstsein in der Gemeinschaft. Was sagst du dazu?
Das kann ich verstehen. Aber die geistige Entwicklung hat nun mal Vorrang. Das Ökologiebewusstsein kommt zwangsläufig - wenn auch später.

Im Artikel in der Zeitschrift GEO vom Dezember 2009 stand, dass viele hier ein Plumpsklo im Garten für eine Bio-Toilette hielten. Wie sieht es mit dem Wissen über Ökologie und die nötigen Technologien aus?
Damit ist es leider nicht weit her, und manchmal habe ich auch den Eindruck, dass das Interesse nicht arg groß ist. Ich habe z.B. bei uns eine Kompost-Toilette gebaut und darauf geachtet, dass die Fäkalien nicht mit der Zeit ins Grundwasser gelangen können. Ich habe das dann auch in einer Versammlung angesprochen und angeboten, dass die Leute sich das bei uns anschauen und alle Informationen bekommen können. Es hat jedoch nur einer Interesse bekundet, gekommen aber ist noch keiner.
Es ist einfach noch kein Bewusstsein und kein Interesse dafür da. Vielleicht dürften wir uns nicht mal als "ökologische" Gemeinschaft bezeichnen. Das ist wie so vieles bei uns eine Zielvorstellung. Aber die Realität wird von den Leuten gemacht und vom Bewusstsein der Leute. Und auf diesem Gebiet sind die Russen halt keine Vorreiter.
Wir deutschen Bewohner machen eben das, was wir meinen machen zu müssen, und sagen es, aber - so wie Vissarion - wir sagen es, aber was die Leute machen, ist ihre eigene Geschichte.

Ein weiterer Kritikpunkt ist der westliche Lebensstil, der sich anscheinend immer mehr in der Gemeinschaft einschleicht.
Das kann jeder selbst entscheiden. Man lernt dabei, auf sich selbst zu schauen, egal, was die anderen machen. Man lernt u.a., Versuchungen zu widerstehen.

Es wird von heftigem Fernsehkonsum berichtet, fast jeder scheint die Möglichkeit zu haben, sich Filme auf DVD anzuschauen und das auch zu tun.
Ich maße mir nicht an, das zu beurteilen, weil ich nicht weiß, was die Leute sich wirklich anschauen. In Russland hat es einfach Tradition, dass den ganzen Tag der Fernseher läuft. Das heißt noch nicht, dass die hingucken, der läuft einfach - und der wird auch nicht abgeschaltet, wenn Besuch kommt. Es hat mal jemand gesagt, dass es einfach zu einem russischen Haushalt gehört, dass der Fernseher läuft.

Es gibt sogar Kritik daran, dass z.B. die Frauen zu freizügig herumlaufen, kurze Röcke tragen, Bauchtanz machen usw.
Prüde sind wir hier nicht. Die Männer genießen das größtenteils, wenn die Frauen sich schön zurecht machen. Wenn die Frau allerdings übertreibt, wird sie das schon an der Resonanz merken.

Achteckiges Haus in Shárowsk
Achteckiges Haus in Shárowsk

       Vissarion

Du hast am Anfang gesagt, dass du dich von der Einfachheit von Vissarion angesprochen gefühlt hast. In neueren Berichten wird immer wieder versucht, ihn als privilegiert hinzustellen. Auf seinem Schreibtisch stünden zwei Computer-Flachbildschirme, er fährt als einziger mit einem Quadrocycle (vierrädriges Motorrad) durch die Taiga usw. Ist da was dran?
Ich glaube, von diesen Motorrädern hat ihm ein reicher Russe drei Stück geschenkt, mit denen er und Vadim und noch jemand nach Petropáwlowka fahren, wenn dort Treffen sind. Ich sehe das jetzt nicht als Privileg, dass es für ihn jetzt leichter ist, denn er kommt ja zu uns, wenn er in die Dörfer fährt und nicht wir zu ihm. Dass man ihm da ein bisschen Komfort gibt und ihm nicht zumutet, zwei Stunden lang durch die Taiga zu laufen und dann in irgendeinem Schepperwagen durch die Schlaglöcher zu fahren, scheint mir jetzt nicht irgendwie verkehrt.
Zu den Flachbildschirmen kann ich nichts sagen. Wenn man ihn mit den Augen eines Journalisten als irgendeinen Guru ansieht ... selbst dann ist er z.B. gegen Bhagwan mit seinen 90 Rolls Royce noch ein Waisenknabe.

Die Schreiber der Wikipedia behaupten, dass Vissarion die Dörfer kontrolliere und "ungeteilte und allzeitliche Verehrung durch seine ‚Jünger' fordere". Wie erlebst du das in der Praxis?
Also fordern tut er schon mal gar nichts. Das kann man wohl ganz allgemein behaupten. Seine Lehre bezüglich seiner Schüler ist, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben. Er sagt, er hat eine Lehre, und wenn man ihr folgt, wird es einem gut gehen im Leben, und wenn man ihr nicht folgt, wird es einem nicht so gut gehen. Aber jeder hat die freie Wahl, und er fordert nichts.

Es wird meiner Meinung nach der Eindruck erweckt, die Leute stünden vollständig unter seiner Knute. Wie aufdringlich ist denn sein Wirken für die Leute, die dort leben? Wie sehr tritt er überhaupt in Erscheinung?
Er kommt jetzt nicht mehr so viel in die Dörfer, die Leute erleben ihn ja jetzt meistens oben an seiner Wohnstätte. Also, das ist ein völliger Schwachsinn, er fordert überhaupt nichts - also Verehrung fordert er auf keinen Fall. Die Leute knien nicht vor ihm, die Leute buckeln nicht vor ihm, die Leute behandeln ihn eigentlich eher wie einen ganz normalen Menschen.

Gruppenbild
Vadim, Bogdan und Vissarion

Und er spricht doch auch niemanden an und sagt: Du darfst dies und jenes nicht machen. Oder?
Nein. Er reagiert meistens sowieso nur auf Fragen. Sein ganzes Hiersein besteht ja im Prinzip darin, Fragen zu beantworten.

Und dann bleibt es dir als Fragendem immer noch überlassen, das Gehörte umzusetzen oder zu sagen: interessiert mich nicht.
Ja, klar. Es ist ja eher so: Aus der Fragenstellung ersieht er, für welche Tiefe der Antwort der Fragende bereit ist. Insofern wird er die Antwort so abfassen, dass sie den Menschen nicht unter Druck setzt oder etwas von ihm gefordert wird, was er noch nicht leisten kann.
Den Menschen wird immer ein Angebot unterbreitet, das sie mit ihren derzeitigen Kräften und Möglichkeiten auch umsetzen können. Also, vom Fordern ist er schon weit weg.

Außerdem wird geschrieben, dass Vissarion noch jeglichen Beweis schuldig geblieben wäre, dass er die Wiedergeburt von Jesus von Nazaret ist. Stört dich das? Oder anders gefragt: Wie könnte er das wohl beweisen?
Hier müsste man wohl zuerst einmal fragen, wer das denn entscheiden könnte. Der Papst? Der Dalai Lama? Eine Gruppe von Religionswissenschaftlern? Die Mehrheit der Weltbevölkerung? Oder vielleicht doch lieber der amerikanische Präsident?
Es ist völlig unmöglich. Man kann weder beweisen, dass er es ist, noch wird man je beweisen können, dass er es nicht ist. Beide Beweise sind unmöglich.

       Die Lehre von Vissarion

Es wird z.B. in der Wikipedia immer wieder behauptet, die Lehre von Vissarion sei ein Konglomerat aus Taoismus, Islam und Buddhismus. Des weiteren wollen sie noch starke Verbindungen zum Neohinduismus, zur Theosophie und zur New Age-Esoterik gefunden haben. Was sagst du dazu?
Ich würde sagen, es ist umgekehrt: All die genannten Lehren beinhalten einen gewissen Teil der Wahrheit. Wenn Vissarion die Wahrheit verkündet, ist es klar, dass er dabei in Übereinstimmung steht mit gewissen Teilen von anderen Lehren.
Wenn man aber behauptet, dass er seine Lehre diesen Lehren entnommen habe, wird dieser Zusammenhang genau auf den Kopf gestellt. Der Ursprung aller Lehren ist die Wahrheit.

Dass Vissarion auch ganz originär Neues gebracht hat, wird meiner Meinung nach bisher viel zu wenig beachtet, z.B. die Lehre von den zwei Ursprüngen, dem Alleinigen und dem Himmlischen Vater. Gerade für Christen würden sich auf diesem Hintergrund viele Widersprüche auflösen. Auch die Frage, wie Gott dies oder jenes Unglück zulassen konnte, erschiene in einem ganz anderen Licht.
Ja, auch das Auseinanderdividieren von Altem und Neuem Testament. Das Alte Testament stammt ja nicht vom Himmlischen Vater ...

Fragestunde im Farntal
Fragestunde im Farntal

       "Ketzerisches"

Wäre es auch möglich, dass sich da jemand ansiedelt, der mit der ganzen Philosophie der Gemeinschaft nichts am Hut hat, sondern nur in Ruhe seine Kinder großziehen will oder Pferde züchten oder sonst was?
Ja, vor allem wenn dieser Mensch die Gemeinschaft auf irgendeiner Ebene bereichert, z.B. mit einem Wissen über Anbaumethoden oder durch ein Handwerk, das für die Leute interessant ist. Und wenn er vielleicht sogar Kinder mit ausbilden oder einbeziehen kann, dann schaut die Gemeinschaft sicherlich nicht darauf, ob er sich als Nachfolger von Vissarion bezeichnet.
Wenn er etwas zu geben hat, dann wird das auf jeden Fall akzeptiert, und auch er als Mensch wird akzeptiert. Nur die, die sich als Nachfolger von Vissarion bezeichnen und mitmachen wollen, die müssen sich den Kriterien stellen, die allgemein an Nachfolger von Vissarion gestellt werden. Aber da hat man ja die freie Wahl.
Aber wenn man nur so da ist, dann braucht man sich ja auch niemandem gegenüber zu rechtfertigen für das, was man tut. Aber man ist dann auch nicht in der Gemeinschaft in dem Sinne. Und auch nicht in den geistigen Entwicklungsprozess involviert, aber das will man dann ja auch nicht.
Aber diese Menschen können durchaus wertvoll sein für die Gemeinschaft. Als Beispiel: Louisa hat mal mit Vissarion besprochen, ob sie in der Werkstatt Menschen einbeziehen kann, die nicht zur Gemeinschaft gehören, also auch Altgläubige und Alteingesessene. Und da hat Vissarion gesagt, wer arbeitswillig ist, mit dem solle sie arbeiten, mit den anderen nicht und nicht darauf achten, ob sie Nachfolger sind oder nicht. Die Nachfolger sind nämlich mitunter auch faul, die haben ja ihre geistige Entwicklung als Alibi und haben immer was zu tun, müssen bei anderen Leuten helfen. Louisa hatte oft Schwierigkeiten mit Leuten aus der Gruppe. Mit den anderen hatte sie seltener Schwierigkeiten, die denken einfach normal.

Muss man in Sibirien leben, um sich spirituell zu entwickeln?
Nicht unbedingt. Allerdings sollte man die Prinzipien kennen, die die zwischenmenschlichen Beziehungen prägen. Wenn man also immer das Neueste vom Lehrer mitbekommt und das auch praktiziert, dann kann man auch woanders weiterkommen. Aber wie gesagt, das Umfeld ist in Sibirien unterstützender. Das ist doch wichtig!

Aber die von dir genannten Voraussetzungen sind für uns in Deutschland doch fast gar nicht zu erfüllen, z.B. die neuesten Aussagen von Vissarion mitzubekommen. Dazu müsste man auch perfekt Russisch sprechen.
Man kann! In der Zeitschrift "Die Lebensschule" werden die aktuellen Aussagen abgedruckt.

Sind die Menschen in der Gemeinschaft die besseren Menschen?
Diejenigen, die das meinen, sind Opfer des Hochmuts - dem Erzfeind des Menschen.

Kann die Gemeinschaft auch ohne Vissarion weiter bestehen?
Sie kann und muss! Ich meine, dass die Verschmelzung in Zukunft die wichtigste Art der Kommunikation sein wird. Deswegen sollte man sich heute darin schulen.

       Herausforderungen

Was sind die größten Herausforderungen, denen ihr dort ausgesetzt seid?
Die eigentliche Aufgabe ist es, dem Widersacher im Inneren die Luft zu nehmen. Der Widersacher ist ja nicht irgendwo da draußen, in der Regierung oder in der Polizei, der Widersacher ist mitten in uns selbst.
Die anderen sind praktisch die Hilfsmittel, die mich immer wieder daran erinnern und darauf stoßen. Das ist das eigentliche Wesen der Gemeinschaft. Alles andere ist nur die Oberfläche.

Insofern wäre es auch völlig falsch, den Anspruch an die Gemeinschaft zu haben, dass dort alles in totaler Liebe, Freundlichkeit und Harmonie abläuft?
Richtig. Genau das Gegenteil ist nicht nur der Fall, sondern es ist - wie ich Vissarion verstehe - sogar beabsichtigt, dass sie durch die Reibung die Seelen reifen, indem sie in so genannte "Situationen" kommen. Da muss man sich entscheiden, wie man sich verhält, ob man in der Liebe bleibt - oder ob man in die Verdammung geht.
Ich sehe es ja an mir selbst. Ich weiß das im Prinzip alles, aber - plumps, jedes Mal plumpse ich da rein. Wenn ich an einen bestimmten Bruder denke, kommt mir immer noch die Galle hoch.
Doch wenn man dann mal einen lichten Moment hat, versucht man die Lehre zu begreifen und diese Schwächen, die man beim anderen sieht, bei sich selbst auszumerzen. Und das muss man erst mal erkennen. Also bei dem besagten Bruder kann ich schon gewisse Parallelen zu mir erkennen, jedenfalls in manchen Aspekten, durchaus. Das ist schon mal der erste Schritt.

Erwartest du etwas Bestimmtes in der Zukunft oder auch: Erwartet die Gemeinschaft als Ganzes etwas in der Zukunft?
Die Gemeinschaft als Ganzes erwartet schon, dass gravierende Umbrüche auf uns zukommen. Und das steht immer wie so eine graue Wand vor uns, mit dem Ziel, vorbereitet zu sein, wenn etwas Außergewöhnliches kommt und auch, ich sag mal, versuchen zu überleben. Das Thema ist schon immer unterschwellig irgendwo da. Vissarion hat das immer mal wieder anklingen lassen.
Das ist das Eine, aber wie man dieser Situation begegnet, ist eigentlich weniger eine materielle Frage, sondern ist eine Frage des seelischen Überlebens, also wie bereitet sich die Seele darauf vor, das ist der entscheidende Punkt. Das Wichtige ist, dass die Seele reift, um schwierige Situationen zu überstehen. In unserem Dorf vermisse ich ein wenig die Vorbereitung in dieser Richtung.

Musikalische Darbietung im Freien
Musikalische Darbietung im Freien

Könntest du dir denn vorstellen, wie dieser seelische Entwicklungsprozess angestoßen werden könnte?
Man müsste eigentlich in jeder Versammlung neu den Mut aufbringen, um zu sagen: 'Hört mal, Leute, das ist doch nicht wichtig, was wir hier besprechen, es gibt doch viel Wichtigeres.'

Gibt es denn da keine Gleichgesinnten im Dorf?
Doch, es gibt Gleichgesinnte, aber das sind meistens die "Tauben" im Dorf (im Gegensatz zu den "Falken"). Es sind die musischen Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, die Leute, die im Chor singen und zum Volkstanz gehen.
Die anderen sind mir meistens fremder.
Bei uns gibt es die Musischen und die Technokraten, kann man so sagen. (Lacht.)

Kannst du dir das richtig vorstellen, wie es idealerweise sein könnte?
Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Halt wie in einer großen Familie zu leben, wo es nicht unbedingt ohne Spannung sein muss, aber wo es eine ständige Bereitschaft gibt, den anderen zu verstehen. Das ist meiner Ansicht nach das wesentliche Kriterium: Ich bin bereit, den anderen zu verstehen und akzeptiere, dass er anders ist.
Dazu gehört auch eine gewisse Art von "Benehmen". Dass man z.B. in Versammlungen den anderen nicht das Wort abschneidet und glaubt, dass man es besser weiß als die anderen.

Siehst du denn einen Weg, wie man da weiterkommen könnte?
Ich habe konkrete Vorschläge gemacht, z.B. dass jeder Gelegenheit hat, von sich zu erzählen, was ihm wichtig ist, was ihn im Inneren bewegt und interessiert, was seine Ziele sind, wie seine finanzielle Situation ist. Was ihn belastet, was ihn freut, sich ruhig Zeit nehmen einen ganzen Abend für eine Person und möglichst bei dem im Haus, damit der in seiner Umgebung ist und man schon an dem Haus sehen kann, was das für ein Mensch ist.
Ich habe also solche konkreten Vorschläge gemacht, die Reaktion war teilweise positiv, aber es resultiert einfach nichts daraus. Und da muss man einfach stark sein, immer wieder am Ball bleiben. Und da ist dann meine Schwäche, dass ich eben resigniere und sage, keiner unterstützt mich.

Garten in sommerlicher Fülle
Garten in sommerlicher Fülle

       Ausblick

Hast du bestimmte Ziele für die nächsten Jahre?
Die Ziele für das nächste Jahr sollen einem in der Zeit "ohne Zeit" klar werden [in den Schriften von Vadim auch als "Zeit der Zeitlosigkeit" bezeichnet, Anm. d. Red.], also zwischen dem 1. und 14. Januar. Da geht man dann in sich. Ich würde das aber nicht laut rumposaunen. Das ist was sehr Intimes.

Hat sich dein Verhältnis zur Lehre von Vissarion durch dein Leben in der Gemeinschaft verändert?
Das Verhältnis zur Lehre würde ich so nicht sagen. Vielleicht eher das Verhältnis zu den Brüdern und Schwestern, besonders zu meiner Frau. Es wird ehrlicher.

Wie ist heute dein Verhältnis zur Gemeinschaft?
Ich mache mit, so gut ich kann.

Fühlst du dich Vissarion in der Gemeinschaft näher als z.B. in Deutschland?
Dass ich mich ihm innerlich näher fühle, kann ich so nicht sagen. Aber die Möglichkeit, ihm praktische Fragen zu stellen, und die Antworten mit den Brüdern und Schwestern zu erörtern, das ist in dieser Intensität nur hier in der Gemeinschaft möglich.

Falls unsere Leser noch weitere Fragen an dich oder Louisa haben, dürfen wir uns dann nochmals an euch wenden?
Ja, gerne.

Ich danke dir für das Gespräch und für deine Geduld und Offenheit.

Blick nach Süden über die herbstliche Taiga und das Dorf Guljáewka am Ufer des Flusses Kasir
Blick nach Süden über die herbstliche Taiga und das Dorf Guljáewka am Ufer des Flusses Kasir      (Foto: C.B., 2009)

Dieses Interview ist bei mehreren Treffen entstanden. Die Fragen wurden nicht unbedingt in dieser Reihenfolge gestellt, sondern nachträglich thematisch zusammengefasst. Daher resultieren auch gelegentliche Sprünge und Überschneidungen.
Falls Sie weitere Fragen an Georg oder Louisa haben, können Sie diese an uns schicken. Wir werden versuchen, Antworten zu bekommen und diese hier einfügen. Wir freuen uns auf Ihre Fragen.

 

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