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Zur Lehre Vissarions
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       Reise in eine andere (wundersame) Welt, August 2001       

  Zum Interview mit dem Autor    

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 Regenbogen über Tscheremschanka

Sibirien, einst Land deutscher Schreckgespinste, jetzt Hoffnungsträger für eine neue Überlebenskultur

Sibirien ist unendlich groß und weit, insofern bezieht sich dieser Reisebericht von Dieter Schaarschmidt aus Güstritz auf einen winzigen Ausschnitt. Er besuchte mit seiner fast siebzigjährigen Mitbewohnerin Hildegard Scheu und zwei Freundinnen aus dem Ökodorf-Projekt in der Altmark im August 2001 das sibirische Öko-Gemeinschaftsprojekt Tiberkul.

Tiberkul liegt etwa auf dem gleichen Breitengrad wie das Wendland, nur etwa sechseinhalbtausend Kilometer weiter östlich, ca. zweihundert Kilometer östlich der sibirischen Stadt Abakan.

 Bild vergrößern Tiberkul ist der Name eines wunderschönen Bergsees, gut doppelt so groß wie der Arendsee, er ist weder durch eine Straße noch durch die Schiene erschlossen, und somit fast im ursprünglichen Zustand. Außer einem alten Fischerdörfchen, das von "Altgläubigen" gegründet wurde, jetzt aber halbverlassen ist, lebte hier niemand.  Bild vergrößern

In dieser unerschlossenen Nachbarschaft, mitten in der bergigen Taiga, in etwa achthundert Meter Höhe, begann vor acht Jahren das einmalige Tiberkul-Gemeinschaftsprojekt. Eine christlich-religiöse Ökogemeinschaft wollte unter diesen schwierigen Lebensbedingungen ihre neue Überlebenskultur erproben und beweisen.

 Bild vergrößern Dafür wurden zunächst hundert Quadratkilometer Urwald gepachtet und mit einfachsten Mitteln Holzblockhäuser gebaut, sowie alle zum Überleben notwendigen Pflanzen angebaut.  Bild vergrößern
  Doch was treibt die zumeist intellektuellen Russen aller Altersstufen in die von archaischen Urgewalten geprägte Taiga? Ein bequemes Öko-Leben nach westlichem Standard können sie dort gewiss nicht erwarten. Allein die Sehnsucht zurück zur Natur kann es auch nicht sein, denn die Lebensbedingungen sind oft grausam hart, und Natur gibt es in Russland massenhaft.  Bild vergrößern

 

Der Glauben

Nein, der Beweggrund, der bisher schon über dreitausend Menschen in diese Region gezogen hat, ist ein anderer. Es handelt sich bei diesem unglaublichen Projekt um eine Glaubensgemeinschaft, die sich seit zehn Jahren um ihren Gründer und Lehrer Vissarion gesammelt hat.

 Bild vergrößern Sie wurde lange Zeit vom Russischen Staat und auch von der Russisch-Orthodoxen Kirche als Sekte bekämpft, doch nachdem ihr trotz massiver Kontrollen und Einschüchterungen nichts Negatives nachgewiesen werden konnte, hat sich jetzt auch das Verhältnis zur Orthodoxen Kirche entspannt. Es finden gemeinsame Gesprächsrunden statt, und viele der konventionellen Kirchenleute verwenden inzwischen Texte und Glaubenssätze von Vissarion in ihren Gottesdiensten.  Bild vergrößern

Die Glaubenssätze von Vissarion sind streng und konsequent, sie versprechen kein leichtes Leben. Doch vielleicht ist gerade dies im maroden, mafiösen Russland besonders glaubwürdig. Man könnte den Weg auch als dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus bezeichnen. Doch ist das materielle Leben, trotz seiner täglichen Überlebenskunst, nicht der Hauptinhalt seiner Lehre. Vielmehr geht es ihm und seiner "Familie", wie sie sich liebevoll als Brüder und Schwestern bezeichnen, darum, Hass und Neid und negative Gedanken zu vermeiden und eine allumfassende Liebe zu verbreiten.

Dass dies geht, und für jeden Besucher spürbar ist, konnte auch unsere kleine Besuchergruppe voller Erstaunen und Bewunderung jeden Tag wieder erleben. Die ohnehin schon sprichwörtliche russische Gastfreundschaft wird durch eine offene, interessante und liebevolle Umgangsart unterstrichen, die wohl einmalig auf der Welt sein dürfte.

Diese allumfassende Liebe umfasst sowohl die Natur, als auch die Tiere, und natürlich alle Menschen, also auch mögliche Feinde.

 Bild vergrößern Konsequenterweise gehört zu der neuen Lebensweise ein für Normalrussen undenkbarer Lebensstil. Statt fettiger Ernährung mit übermäßigem Fleischgenuss wird sogar eine vegane Lebensweise angestrebt. Außer Milch für Kinder wird also auf alle tierischen Produkte und auch Milchprodukte verzichtet.  Bild vergrößern

Ebenso auf Kaffee, Alkohol und alle anderen Drogen, die sonst in Russland das unerträgliche Alltagsleben betäuben. Dazu fast ohne Auto und elektrische Maschinen. Bei dem Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte spielt allerdings auch die Erkenntnis eine Rolle, dass eine gerechte Lebensweise ohne Arm und Reich auf dieser Erde nur so möglich ist, da für die Produktion tierischer Produkte ein viel zu hoher Aufwand erforderlich ist, der nie alle Menschen satt machen kann, sondern nur die Reichen auf Kosten der Armen.

Was ist der Ausgleich für dieses scheinbar triste, entbehrungsreiche Leben? Im Gegensatz zu unserer Überflussgesellschaft sind Freude, Dankbarkeit und Fröhlichkeit noch so unmittelbar, und müssen nicht durch irgendwelchen Konsum indirekt befriedigt werden.

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Ich habe in meinem Leben noch nie so viele schöne Menschen gesehen. So offen, so fröhlich, so freundlich, so hilfsbereit, so von innen heraus strahlend.

Obwohl es kaum irgendwo fließendes Wasser im Haus, oder gar eine Waschmaschine gibt, wird sehr viel Wert auf ein sauberes und gepflegtes Äußeres gelegt, was diesen strahlenden Eindruck noch verstärkt, und ihn für uns schon beinahe künstlich erscheinen lässt. Wie ein weißes Kleid trotz widrigster Umstände in Sibirien weiß bleibt, war uns lange Zeit ein Rätsel.

 Bild vergrößern Trotz schlammiger Wege und verregneter Pferdekutschfahrten gelingt es besonders den Frauen, ihre zum Teil mittelalterlich anmutende Kleidung vor größeren Schäden zu bewahren. Zum einen werden die guten Kleider zu Hause sofort ausgezogen und gewechselt, also geschont. Zum anderen wird an Saunatagen gleich Wasser für die Wäsche miterhitzt, und ein Rundum-Waschtag daraus gemacht. So sind die zumeist langen, schönen Haare von den Männern und Frauen stets sehr gepflegt.  Bild vergrößern

Der Tiberkul-See und der Fluss Kasir, an dem mehrere Dörfer liegen, haben Trinkwasserqualität. Es wird daraus getrunken und darin gebadet. Wäsche waschen geschieht daher nur in einiger Entfernung zum Ufer.

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Das Klima

Im Wonnemonat August sieht das alles leicht und spielerisch aus, obwohl hier die Hitze von über 35°C und die sehr intensive Sonneneinstrahlung auch nicht immer angenehm sind. Doch wie lebt es sich im sprichwörtlichen sibirischen Winter mit -35°C Kälte? Das sehr kontinentale Klima führt zu sehr heißen Sommern und sehr kalten Wintern, die fast ein halbes Jahr lang dauern. Wenn man alle Monate mit Bodenfrost rechnet, sogar neun Monate lang.

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Die Jahreszeiten sind intensiv, beinahe explosiv, wenn man das Frühjahr betrachtet. Wischiwaschi-Schmuddelwetter gibt es wenig.

Die Holzblockhäuser, mit zumeist zweifacher Einfachverglasung, bieten sicher keinen besseren Kälteschutz als unsere Häuser. Mit Klo und Brunnen im Freien, Sauna im Schuppen und Vorratskellern im und außerhalb des Hauses kann man sich auch nicht den ganzen Winter im Haus verkriechen.

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Großer Unterschied: Die Häuser sind viel kleiner als bei uns, zumeist vier Räume, die um den zentralen Koch- und Heizofen herum gruppiert sind. Die Vorräume oder Wintergärten werden im Winter nicht bewohnt, die Vorräte an Kartoffeln und Gemüse in den Kellern gelagert oder vorher sauer eingelegt und eingemacht.

Wie es mit dem Wasser im Winter funktioniert, blieb uns ein Rätsel. Es bleibt der Reiz, dies bei einer späteren Winterreise zu erkunden. Denn trotz der sibirischen Kälte und dem vielen Schnee hat auch der Winter seinen Reiz in dieser märchenhaften und waldreichen Landschaft.
[Anm. d. Red.: Die Brunnen und Handpumpen funktionieren im Winter genauso wie im Sommer (manche Pumpen sogar im Winter besser wegen der erhöhten Steifigkeit des Dichtungsgummis). Der Grundwasserspiegel liegt in 6-9 Metern Tiefe, also weit unterhalb der Frostgrenze (max. 1,50 Meter).]

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In dieser langen Winterszeit werden wahrscheinlich auch Bildung, Kultur und Künste besonders gepflegt. Die musikalischen und künstlerischen Fähigkeiten sind von ungeheurer Vielfalt. Auf meine erstaunte Frage, ob denn hier jeder Mensch ein Künstler sei, wurde dies bejaht, mit der Anmerkung, dass darauf sehr viel Wert gelegt würde. Die Frage, wie dies denn bei uns sei, beantwortete ich so, dass vielleicht jeder zwanzigste bei uns ein Künstler sei. In den Gesichtern spiegelte sich besorgte Betroffenheit.

Die Tempel und Schulen - in kurzer Zeit viel geschaffen

 Bild vergrößern Da ich einige Tage beim Bau des Tempels in Petropáwlowka und an der neuen Schule in Tscheremschánka mitgearbeitet hatte, wusste ich, wie viel kunsthandwerkliche Kleinarbeit darin steckt. Manchmal zu meinem Ärger, denn dies war nicht immer rationell und praktisch. Aber das Ergebnis ist unglaublich kunstvoll und schön, und fast ohne Maschineneinsatz gelungen.  Bild vergrößern

Bei der Schule hatte ich anfangs verstanden, es würde eine Kunstschule, nur für die Kunstausbildung. Bis ich später verstand, dass es sich um die projekteigene normale Schule des Ortes handelt, die größten Wert auf alle Künste legt.

Doch noch vor und über der künstlerischen Entwicklung und Ausbildung steht die Erziehung zur ganzheitlichen, geschwisterlichen Liebe, die bereits im frühen Kindesalter beginnt, und sichtbare Früchte trägt. Ohne den Einfluss von Fernsehen und Großstadtkriminalität scheint es hier möglich zu sein, gesunde, heile, fröhliche und glückliche Menschen zu erziehen, und ihnen darin Vorbild zu sein.

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Die Allgemeinbildung läuft sozusagen nebenbei, wobei die Schulprüfungen, die vor den staatlichen Schulen abgelegt werden, überdurchschnittlich gut verlaufen. Ein Kunststück, bei drei Monaten Sommerferien, in denen wir täglich die Ergebnisse dieser Kunst-Talente vorgeführt bekamen.

Um die Tiberkul-Kerngemeinschaft, die mit fünfzig Familien im Urwald dieses Projekt begonnen haben, leben in vierzig gemischten Dörfern, die ursprünglich von Landflucht betroffen waren, jetzt weitere dreitausend Gemeinschaftsangehörige. Anfangs gab es Reibereien und Ängste von Seiten der Einheimischen, inzwischen sind sie weitgehend integriert.

Wir hatten jedenfalls das Glück, in zwei Familien in Tscheremschánka, dem "Künstlerdorf", untergebracht zu werden. Bedingung war, dass wir bestimmte Lebensmittel für den Eigenbedarf mitbrachten, und ansonsten mitarbeiteten, wo es möglich war. Die einfachen Matratzenlager wurden auf dem Fußboden im Wohnzimmer eingerichtet und tagsüber zusammengerollt.

 Bild vergrößern Durch die nicht endende Reihe abendlicher Konzerte und Tanzvorführungen kam keine Langeweile auf. Im Gegenteil, wir gerieten in Stress, weil nicht alles zu schaffen war.
Mehr als die Hälfte der unmittelbaren Nachbarn und Hausbewohner hatten im Laufe der zwei Wochen hochwertige künstlerische Auftritte, und das alles nur aus Freude, ohne jede Bezahlung.
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Tscheremschánka hat etwa fünfhundert Einwohner, ein Drittel davon gehört zur "Familie". Es liegt malerisch am Fuß eines kleinen Berges am Ufer des Flusses Kasir.

 Bild vergrößern Der Fluss ist gut hundert Meter breit und hat eine so starke Strömung, dass ein Voranschwimmen gegen die Strömung nicht möglich ist. Im Frühjahr hatte das Hochwasser an der zehn Meter hohen Steilküste genagt, und allerlei Bäume mitgerissen. Wir konnten die Urgewalten nur noch erahnen, wenn wir zur sommerlichen Erfrischung in den eiskalten Fluss sprangen.  Bild vergrößern

Wie steht es denn mit der politischen Ausrichtung dieses Projektes?

Man könnte sagen, es ist ein unpolitisches, rein spirituelles Projekt. Jedoch wirkt die radikale Ablehnung aller vorhandenen Gesellschaftssysteme doch wieder politisch, weil sich diese natürlich in Frage gestellt und damit angegriffen fühlen. Auf jeden Fall halten sich die Anhänger Vissarions aus der Parteipolitik heraus. Schlimme Dinge wie Krieg, Gewalt und Verbrechen werden möglichst gar nicht in den Mund genommen, um damit das Schlechte nicht noch weiter zu "kultivieren". So wachsen die Kinder praktisch frei von den Übeln unserer Welt auf, und verhalten sich zumeist so, als wenn es nur das Gute gäbe. Eine interessante Theorie, die in unserer westlichen Welt kaum noch irgendwo durchführbar ist.

Es ist erstaunlich und bewundernswert, was unter den schweren Umständen innerhalb weniger Jahre geschaffen wurde, und wie weit die vorher auch normal lebenden Russen sich auf dieses bescheidene Leben umgestellt haben.

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Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um das Überleben der Menschheit. Wenn die modernen Gesellschaftssysteme versagen, und an ihrer eigenen Last zerbrechen, dann ist ein Überleben vielleicht dort außerhalb der Zivilisation am ehesten möglich. Nicht zurück in die Steinzeit, sondern vorwärts in eine abgelegene menschliche Hochkultur, scheint uns diese Überlebensreligion zu führen.

Vissarion - Wiedergeburt von Jesus Christus?

 Bild vergrößern Wer ist Vissarion, mit bürgerlichem Namen Sergej Torop? Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr eine unauffällige Person, die normal zur Schule ging, verschiedene Handwerke erlernte, lkonen malte, und auch ihren Armeedienst leistete. Die quasi göttliche Erleuchtung einer besonderen Aufgabe hier auf der Erde, erfüllte Vissarion (übersetzt: Der das Leben gibt) erst vor zehn Jahren.  Bild vergrößern

Seitdem hat er zwei Bücher geschrieben: "Die Letzte Hoffnung" und "Zeit der Wende", und er sammelte Gleichgesinnte um sich. In nur einem Jahr fand er tausend Anhänger. Bis heute sind es bereits über zweihunderttausend Menschen weltweit, vor allem aber in Russland, die seine Lehre ins Leben umsetzen wollen. Über dreitausend Menschen leben bereits im dem auf vierhundert Quadratkilometer angewachsenen Gebiet nördlich der Mongolei.

Ob dies nun tatsächlich die seit zweitausend Jahren erwartete Wiedergeburt von Jesus Christus ist oder nicht, finde ich nicht so wichtig. Wichtig war mir, festzustellen, welche Taten denn den Worten folgen. Und was ich gesehen und gespürt habe, scheint mir ähnlich revolutionär, wie das, was der junge Mann vor zweitausend Jahren auf die Beine gestellt hat, und was bis heute die Gemüter bewegt. So gesehen ist Vissarion auf jeden Fall ein bemerkenswerter Revolutionär, der den Vergleich mit dem Dalai Lama oder Jesus nicht zu scheuen braucht.

 Bild vergrößern Vissarion lebt jetzt mit seiner Frau und sechs Kindern in einem Holzhäuschen auf dem heiligen Berg über dem Tiberkul-See, mit Blick auf das ferne schneebedeckte Altai-Gebirge. Direkt daneben ist ein im Bau befindlicher Tempel, und vier Familien haben dort ihre Häuschen mit wunderschönen großen Gemüse- und Blumengärten.  

Der Weg auf den heiligen Berg ist nicht leicht, selbst von unserem Gastwohnort Tscheremschánka müssen wir drei Stunden auf der offenen Pritsche eines von drei schweren LKW fahren, zusammen mit über hundertfünfzig anderen Besuchern, um dann mit schwerem Gepäck noch drei bis vier Stunden durch den Bergwald zu wandern, wo dann die im Aufbau befindliche Kernsiedlung "Das Neue Jerusalem" auftaucht.

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Zwei Beispiele von Bewohnerinnen

Larissa, etwa Mitte fünfzig, kam vor fünf Jahren nach Tiberkul, wo sie ihren jetzigen Mann kennen lernte und heiratete. Vorher war Larissa stellvertretende Schulleiterin und wog vierzig Kilogramm mehr als heute. Kaum vorstellbar, wenn man die drahtige, energiegeladene und fröhliche Frau heute sieht. Mit ein bisschen Wehmut sagt sie, ihre Tochter lebe in Köln und arbeite dort als Opernsängerin, sie habe leider kein Verständnis für den Weg ihrer Mutter. Aber, so meint Larissa, wenn Stimme und Schönheit ihrer Tochter verblassen würden, und sie im Westen nichts mehr wert sei, würde sie sich vielleicht eines anderen besinnen.

Julia, Ende zwanzig, lebt seit gut einem halben Jahr im Neuen Jerusalem. Vor zweihundert Jahren sind ihre Vorfahren von Deutschland an die Wolga geholt worden. Unter Stalin sind diese Wolgadeutschen nach Sibirien verbannt worden. Im Rahmen des deutschen Rücksiedelungsprozesses kam sie mit ihrer Familie nach Berlin. Dort in Berlin studierte sie mit ihrer Schwester Asia, und hat schon mehrere Jahre für das Ökoprojekt in Sibirien übersetzt und Vorträge gehalten.

  Ihre Eltern waren nicht begeistert, dass nun sowohl Asia als Ärztin nach Petropáwlowka gegangen ist, und Julia ihre Arbeit in das Informationszentrum von Neu Jerusalem verlegt hat. Nachdem sie ihre Kinder von Berlin aus besucht haben, sind sie jetzt beruhigt, dass ihre Töchter dort gesund leben und eine ihren Fähigkeiten entsprechende wichtige Arbeit leisten können.  Bild vergrößern

Das große Fest - umsonst und draußen

 Bild vergrößern Wir hatten das Glück, ein besonderes Jubiläumsfest mitzuerleben. Am achtzehnten August fand in Petropáwlowka das zehnjährige Jubiläum statt. Vor zehn Jahren hatte Vissarion erstmals seine Lehre verkündet, und vier Jahre später mit dem praktischen Aufbau der Gemeinschaft in Tiberkul begonnen.  

Die Festvorbereitungen liefen wochenlang, das war in allen Dörfern zu spüren. Besonders bei einer musikalischen Vorentscheidung, bei der aus dreißig Einzelkünstlern und Gruppen diejenigen ausgewählt wurden, die auf dem großen Fest auftreten durften.

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Die Festwiese mit fünf Bühnen lag malerisch auf einer Insel im Fluss Kasir. Eine vielfältige Ausstellung der Dörfer, Künstler und Kunsthandwerker zeigte alles, was dort mit einfachen Mitteln kreativ geschaffen wurde.
Wegen des auch von auswärts zu erwartenden Besucherstroms war dieser Platz gut gewählt, denn hier verkehrten noch Busse zur nächsten Bahnstation in Kurágino, zweieinhalb Stunden Fahrt entfernt. Schon tagelang vorher trudelten Gäste ein. Alle Privatquartiere waren überfüllt und die Stimmung war trotz vorhergehender starker Regenfälle glänzend. Doch am Festtag selbst brannte nur die heiße Sommersonne vom blauen Himmel, so dass es mich wunderte, dass von den über fünftausend Besuchern keiner zu Schaden kam.
Schon am Vortag beginnende Musik- und Tanzeinlagen bildeten den Auftakt. Höhepunkt war die mit Spannung erwartete Rede von Vissarion, die am Nachmittag etwa eine Stunde dauerte, und an deren Ende er einen jungen Mann zum dritten Priester weihte.
Die Übersetzung der Rede liegt uns bisher nur in Bruchstücken vor. Sie erzeugte Begeisterung und Betroffenheit zugleich, denn Vissarion hatte auf seine sanfte Art aufgefordert, nicht nachzulassen, und den Bemühungen und den Worten auch Taten folgen zu lassen. Die Entwicklung unter seinen vielen Anhängern ging ihm nicht schnell genug voran. Dies, obwohl es für uns schon ein unbegreifliches Ereignis war, mit fünftausend Menschen zu feiern, zu lachen und zu tanzen, ohne einen Tropfen Alkohol, ohne eine einzige Zigarette, und dazu alles noch umsonst. Denn es wurde weder Eintritt verlangt, noch Essen verkauft. Alles wurde verschenkt und alle wurden satt. Erst nach dem Ende der Veranstaltung durften einige Souvenirs an Touristen verkauft werden.

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Seinen schönen Abschluss fand das Fest mit einem Kerzenlichtzug vom Festplatz zum Tempel, in dessen Anbau Vissarion seinen Zweitwohnsitz hat, und in dessen benachbartem Holzhäuschen auch Vissarions Mutter lebt, die liebevoll "Mother Christ" genannt wird. Mit einigen liturgischen Gesängen und einem kleinen Feuerwerk wurde hier der Festtag beendet.

Das Reise-Abenteuer - Transsibirische Eisenbahn

Viele hatten uns gewarnt: zu gefährlich, Raubüberfälle, Hunger, Durst und Siechtum würden uns erwarten. Doch für uns lag der besondere Reiz darin, nicht zu fliegen, sondern die sechs Stunden Zeitverschiebung ganz bewusst als sechstägige Reise durch die russischen Lande zu erleben. Außerdem macht ein Europa-Sparpreisticket der Bahn die Reise zu einer preisgünstigen Sache, bei der bisher leider die Reservierung der Trans-Sib-Schlafwagen noch nicht funktioniert, wodurch wir zwei Tage in Moskau verloren haben. Doch kaum hatten wir Moskau, die faszinierende und erschreckende Zehn-Millionen-Stadt hinter uns, wich auch bald die Angst vor Überfällen. Spätestens hinter dem Ural, der Grenze zwischen Europa und Asien, wird alles ruhiger, freundlicher und gelassener.

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Verteilt auf vier Schlafwagenabteile machten wir trotz der Sprachbarrieren eine Menge von Bekanntschaften und lernten russische Gastfreundschaft und Herzlichkeit kennen. Der Zug war stets sauber, heißer Tee stand immer zur Verfügung. Er hatte nur das Manko, dass die allermeisten Zugfenster nicht zu öffnen waren. Bei achtundzwanzig Grad Celsius im Abteil war das schon ärgerlich, aber sonst geht die Klimaanlage nicht, wie es heißt.

Viel Zeit zum Lesen, Spielen, Diskutieren und Artikel schreiben. Diese Reise können wir guten Gewissens weiterempfehlen. Wie gerne wären wir noch zum Baikalsee oder nach Peking weitergefahren. Es ist eine so geruhsame Reiseart, die schon vom Zaren und allen anderen Herrschern genutzt wurde. Erst einen Tag vor unserer Abreise gab es Verzögerungen, weil der nordkoreanische Präsident Kim Jong zum Staatsbesuch mit der Trans-Sib in Moskau eintrudelte.

Der Besuch von Vissarion in Güstritz

  Wir hatten schon vor einigen Jahren von der Gemeinschaft in Sibirien gehört und waren neugierig. Als wir dann davon erfuhren, dass Vissarion mit einer Handvoll Begleiter im Herbst 2000 nach Deutschland kommen würde, haben wir ihn zu uns nach Güstritz eingeladen. Im Oktober 2000 weilte die Gruppe mit Dolmetschern einen Tag bei uns, es gab interessante Gespräche, und auch der Gegenbesuch wurde verabredet. Nun überlegen wir eine Art Austauschprogramm für Jugendliche und Künstler, um den Kontakt zu halten, und den Austausch weiter zu intensivieren.  Bild vergrößern

Dieter Schaarschmidt, Landstraße 6, 29462 Güstritz, Tel + Fax: 05843-444

 

 


Fragen zur Führungsstruktur von Tiberkul (beantwortet von Dieter Schaarschmidt)

Was sind die positiven, was die negativen Seiten der Führerschaft von Vissarion?

Vissarion bezeichnet sich selbst als Lehrer, nicht als Führer, was ich auch erst nicht verstanden habe. Ein bisschen ist es vergleichbar wie mit Falko in Damanhur. Beide sind eindeutig die geistigen Väter "ihrer" Projekte, sie geben sich aber große Mühe, damit der Laden auch ohne sie läuft. Der von ihm gelehrte Glauben hat viele positive Aspekte einer auch von uns gewollten ökologischen, sozialen und friedlichen Überlebenskultur zum Inhalt, und räumt ihnen einen hohen Stellenwert ein, zum Teil quasi Naturgesetzcharakter. Das hat den Vorteil, dass trotz schwieriger alltäglicher Lebensumstände eine Menge Leute aus dieser Gemeinsamkeit Kraft schöpfen. Negativ erscheint mir eigentlich nur dieser stark katholische Touch, der bei vielen Anhängern zu einer Selbstverleugnung oder Unterwürfigkeit zu führen scheint. Ich sage scheint, weil dies aus meiner arroganten Besserwessi-Sicht so aussieht. Andererseits empfinde ich eine bestimmte Art von "dienender" Haltung auch als sehr angenehm, liebevoll und positiv, gegenüber unserem westlichen Egoismus und unserer Selbstverliebtheit.

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Inwieweit ist es eine rein geistige Führerschaft, und inwieweit greift er in politische und inhaltliche Entscheidungen der Gemeinschaft ein? Wie finden Entscheidungen statt?

Eigentlich finde ich ihn oder das Projekt zu wenig politisch, weil sie sich kaum zu tagespolitischen Geschehnissen äußern, andererseits ist ihre gelebte Radikalität im höchsten Maße politisch (Geldsystem abschaffen, Liebe und Gewaltfreiheit, kein Raubbau an Natur und Umwelt, etc.).
Wie greift Vissarion in Entscheidungen ein? Als Ratgeber, glaube ich, im Wesentlichen, aber mit großem Gewicht. Es gibt sehr interessante Gruppenprozesse und Strukturen, von denen wir leider wenig miterlebt haben, und nur in Berichten erfahren haben.
Ich glaube, ihr soziales Gruppenentscheidungs- und Konfliktlösungsmodell ist trotz der Kürze des Projektes (zehn Jahre), mit rasantem Wachstum, schon recht ausgereift und belastbar. Mehr als bei den meisten unserer Projekte. Leider habe ich außer Beispielerzählungen aber weder den inhaltlichen Durchblick (ich habe wenig über die Theorie gelesen), noch genügend praktische Anschauung gehabt.

Was für einen Eindruck hast Du von Vissarion? Was ist sein Selbstbild?

 Bild vergrößern Vissarion ist in meinen Augen schon eine sehr außergewöhnliche Persönlichkeit, wie Falko [Begründer der Gemeinschaft Damanhur in Italien], vielleicht der Dalai Lama oder so. Von daher finde ich den Vergleich mit Jesus durchaus angemessen, aber auch unwichtig. Da die Damanhurianer ja bereits Profis im Bereich der Reinkarnation sind, habe ich mich mit diesen Denkweisen auch durchaus schon angefreundet.
Vissarion selbst bezeichnet sich selbst ja nicht als Jesus, sondern als wieder auf die Erde geschickten Sohn Gottes. Wie dem auch sei, er macht für mich als Atheisten dabei eine recht gute Figur, da er seine Worte auch glaubhaft lebt.
 

Was für einen Eindruck hast Du von den Mitgliedern der Gemeinschaft: Wieweit geht ihre Gefolgschaft, wofür brauchen sie ihn?

Der Eindruck von seinen "Anhängern" ist zum allergrößten Teil sehr positiv. Von ihrem Glauben beseelt scheinen sie glücklicher und gesünder zu leben als die meisten anderen Menschen in diesem Lande. Die Gemeinschaft bietet Schutz und Geborgenheit, und der Glaube gibt ihnen die Kraft und die Liebe zur Alltagsbewältigung, und um darüber hinaus künstlerische, spielerische Fähigkeiten bis zur Perfektion zu entwickeln und für die Gemeinschaft einzusetzen.
Vissarion brauchen sie sicher als Motor und treibende Kraft für diesen revolutionären Prozess, aber bedingt durch den starken Glauben würde das Projekt wohl auch ohne Vissarion erfolgreich weiter existieren können.
Es war und ist für mich auch eine spannende Frage, ob nach dem Tempelbrand auf dem heiligen Berg eventuell Anhänger vom Glauben abfallen würden? Da "Gott" so ein "grausames" Unglück ja sicher nicht zulassen würde... Aber ich glaube, auch in diesem Fall wird es die Gemeinschaft schaffen, an und mit den Problemen, die sie durchmachen, zu wachsen.

Gibt es eine angstfreie und offene Auseinandersetzung über diese Fragen? Was sind die Tabus der Gemeinschaft?

Soweit ich beobachten konnte, gibt es sehr weitreichende Auseinandersetzungen in allen Lebensbereichen. Selbst die Bereiche, die ich als Tabu-Bereiche angesehen habe, wie zum Beispiel Sexualität (kein Nacktbaden etc.), scheinen keine echten Tabus zu sein. Wohl werden sie nicht bei jeder Gelegenheit öffentlich diskutiert, aber wohl vor allem deshalb, weil es auch nicht die gleiche Wichtigkeit besitzt wie bei uns.
Jedenfalls war ich bei Vissarions Deutschland-Tournee ganz erstaunt, dass er im ZEGG auf Fragen zur Freien Liebe nicht katholisch dogmatisch geantwortet hat, sondern auf jede Einzelfrage besonnen abwägend eine Lösung suchte. Das heißt nicht, dass ich in den ganzen Glaubensfragen einer Meinung bin, sondern, dass ich die Toleranz, die dieser Glauben beinhaltet, schätze. Denn aus unseren Reihen kenne ich oftmals sehr viel mehr Intoleranz, die unter dem Gütesiegel von Freiheit, Radikalität und Fortschrittlichkeit verbraten wird.
Ich bin kein Anhänger Vissarions, von daher kann ich viele Fragen nicht kompetent beantworten. Dies sind mehr meine subjektiven Eindrücke, die ich beim Besuch und Vergleich mit vielen Gemeinschaften gemacht habe.

Anmerkung:
Die Fotos stammen nicht vom Autor selbst. Sie wurden aus dem Fundus des Vereins zur Illustration hinzugefügt.

 

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